• Zwei Programme über Arab Sat ausgestrahlt: Libyens Aufständische gründen eigenes Fernsehen

Zwei Programme über Arab Sat ausgestrahlt : Libyens Aufständische gründen eigenes Fernsehen

Seit den "Tagen des Zorns" im Februar sendet der Sender "Freies Libyen" aus der obersten Etage des Justizpalastes von Benghazi, seit jüngstem auch via Satellit. Obwohl auch der publizistische Kampf Opfer kostet: Die Rebellen wollen Gaddafi nicht die Macht über die Nachrichten lassen.

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Nachrichtenschauen und Nachrichtenmachen unter einfachsten Bedingungen: das Studio des Senders "Freies Libyen" in Benghazi. Im Fernseher: das libysche Staatsfernsehen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Katharina Eglau
04.04.2011 16:42Nachrichtenschauen und Nachrichtenmachen unter einfachsten Bedingungen: das Studio des Senders "Freies Libyen" in Benghazi. Im...

Ein Zeichentrickfilm ironisiert seine eifernden Durchhaltereden. Unter dem Titel „Wer ist Gaddafi“ folgt eine Bilderserie des Despoten mit ausländischen Staatsmännern. Rapsongs zu Fotos von Verletzten wechseln mit patriotischen Liedern unterlegt mit romantischen Landschaftsaufnahmen aus Libyen. Aktuelle Berichte von der Front sind meist von BBC, CNN und Al Jazeera übernommen. Dazwischen gibt es mit wackeliger Handkamera gedrehte Lokalreportagen aus den Tagen, als Gaddafis Truppen vor den Toren der Stadt standen und die Wohnviertel mit Raketen beschossen.

Seit einer Woche ist in Libyen das Fernsehmonopol des Regimes gebrochen. Fast gleichzeitig gingen zwei Programme der Aufständischen über den Satelliten Arab Sat auf Sendung, die nun dem Propaganda-Apparat Gaddafis Paroli bieten. „Freies Libyen“ arbeitet von Benghazi aus, „Libya TV“ sitzt in Qatars Hauptstadt Doha.

Den Auftakt machte „Freies Libyen“ vor acht Tagen mit Geständnissen von Gaddafi-Soldaten, die in einer Kaserne der Hafenstadt gefangen sind. Sie berichteten, man habe sie in Tripolis zu einem Gebäudekomplex der Revolutionsgarden bestellt unter dem Vorwand, sie müssten sich dort ihr Monatgehalt abholen. Hinter den Mauern wurden sie dann festgehalten, in Uniformen gesteckt und noch am selben Abend an die Front gebracht. Bei den gefangenen Soldaten habe man große Mengen von Viagra-Tabletten und Kondomen gefunden, berichtete der Sender weiter. Den Pro-Gaddafi-Kämpfern sei gesagt worden, sie dürften mit der aufständischen Bevölkerung machen, was sie wollen – die Männer erschießen, die Frauen vergewaltigen.

Die beiden Gründer Zuhair al-Barasi und Mohammed Nabboos kannten sich von Kindesbeinen an. Auch ihre Frauen sind enge Freundinnen. Am ersten „Tag des Zorns“, dem 17. Februar, fanden sie sich beide zufällig zusammen in einer Nische des Justizpalastes wieder, wo sie Schutz suchten vor den Polizeikugeln, Tränengas und Schlagstöcken. Der 32-jährige Barasi arbeitete bis dahin als Dolmetscher für eine tschechische Firma. Naboos, der aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie stammt, war Geschäftsführer eines Vergnügungsparks für Jugendliche mit Kunsteisbahn, Gokart-Strecke und Kletterwänden. Noch im Kugelhagel schworen sich die beiden Freunde, einen Fernsehsender der Aufständischen aufzubauen. Zunächst produzierte ihr Team in einem provisorischen Studio unter dem Dach des Justizpalastes, dem Nervenzentrum der Rebellen, von wo aus sie ihr Programm als Livestream ins Internet stellten. Vor acht Tagen ging es dann per Arab-Sat auf Transponder 11585 vertikal in ganz Nordafrika auf Sendung - sechs Stunden täglich. Doch da war Mitgründer Mohammed Nabboos bereits tot, abgeknallt von in der Stadt versteckten Gaddafi-Scharfschützen, die losschlugen, als am „schwarzen Samstag“ kurz vor Beginn der alliierten Luftangriffe Gaddafis Panzer und Raketenwerfer Benghazi angriffen. Eine Kugel traf den 28-Jährigen in die Brust, die zweite ins rechte Auge. Die letzten Bilder auf seiner Kamera zeigten zerstörte Häuser im Westen der Stadt, die er für seinen Sender gedreht hatte.

Während „Freies Libyen“ von Benghazi aus arbeitet, kommt das zweite Rebellenprogramm „Libya TV“ aus Doha in Qatar. Initiator ist Mahmud Shammam, ein seit 35 Jahren im Exil lebender libyscher Journalist, der in den USA studierte, zehn Jahre für die arabische Ausgabe von Newsweek arbeitete und später bei Al Jazeera im Vorstand saß. Seine bisher 20 Mitarbeiter suchte er Mitte März über Facebook zusammen, mehr als 200 Bewerbungen gingen ein. Innerhalb von zwei Wochen stampfte er alles aus dem Boden, die Technik konnte er von einem lokalen Kulturkanal in Doha anmieten. Finanziert wird der Sender durch reiche libysche Geschäftsleute im Ausland, einer steuerte sofort 250.000 Dollar bei. Vier Stunden täglich dauert das Programm erst einmal, soll aber nach den Worten von Shammam kontinuierlich ausgebaut werden. Einmal am Tag gibt es zwanzig Minuten lang Nachrichten. Geplant ist auch eine regelmäßige halbstündige Talkrunde entweder im Studio in Doha, London oder Benghazi.

Qatar zählt im Nahen und Mittleren Osten inzwischen zu den wichtigsten Unterstützern des libyschen Aufstands. Als einziges arabisches Land anerkannte das Emirat den „Provisorischen Nationalrat“ der Rebellen als „einzige legitime Vertretung des libyschen Volkes“. Mit vier Jagdbombern ist es an den alliierten Luftangriffen beteiligt und liefert den Rebellen mit Tankschiffen Benzin nach Tobruk im Austausch gegen Rohöl. Der von Emir Hamad bin Khalifa al-Thani finanzierte Sender Al Jazeera erbost nicht nur Libyens Muammar Gaddafi, sondern alle nahöstlichen Potentaten, die um ihre Throne fürchten. „Fuck Qatar und Al Jazeera“ tobte Gaddafis Sohn Seif al-Islam noch Ende Februar in einem Interview mit der Zeitung „Al-Sharq al-Awsat“. Kurz danach lockten Getreue des Regimes an der Stadtgrenze von Benghazi ein Team von Al Jazeera per Telefon in einen Hinterhalt. Kameramann Ali Hassan al-Jaber, der auf dem Rücksitz des Wagens saß, wurde tödlich getroffen. An der Beerdigung in seiner Heimat Qatar nahm demonstrativ auch Staatschef Hamad bin Khalifa al-Thani teil.

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