Politik : Zwei Tage Wahlkampfpause

Eine verwirrte Frau verletzt Justizsenator Kusch – der will schon am Samstag weitermachen

Armin Lehmann

Die Frau ist der Hamburger Polizei nicht unbekannt. In der Mörkenstraße, zwischen Altona und St. Pauli, taucht sie immer wieder auf dem Kommissariat 21 auf – oder ruft an und nervt die Beamten. Im letzten Polizeibericht des K21 heißt es über diese Frau, die am Donnerstagvormittag Justizsenator Roger Kusch mit einem Messer am Oberschenkel verletzte, unter anderem sinngemäß: „Sie fühlt sich von Informanten des Geheimdienstes verfolgt, ein Nachbar sei Zulieferer für den Ku-Klux-Klan, den er mit Holzplatten beliefert, um damit Kinder zu quälen". Hamburgs Polizeipräsidenten Udo Nagel bewegen solche Hinweise und Aussagen am Nachmittag dazu, eine „politisch motivierte Tat gegen Herrn Kusch auszuschließen".

Roger Kusch absolviert am Donnerstag einen seiner Wahlkampftermine, diesmal in der Marktpassage im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek. Als er sich gegen 10 Uhr 50 am Infostand der CDU mit der Frau unterhält, die dem K21 in Altona bekannt ist, ahnt noch niemand, dass sie gewalttätig wird. Kurz nach dem Gespräch stehen Kusch und weitere CDU-Wahlkämpfer mit anderen Passanten um den Wahlstand herum, als sich die Frau von hinten anschleicht und sich mit den Worten: „Du schwule Sau, du hast mein Kind umgebracht" auf den Justizsenator stürzt. Sie zielte mit ihrem Klappmesser auf seinen Bauch, der Senator wird am rechten Oberschenkel verletzt. Die übrigen CDU-Politiker versuchen, die Frau zu überwältigen. Sie wehrt sich laut Polizeibericht massiv, bis sie sich wenig später von alarmierten Beamten aus dem gegenüberliegenden Kommissariat widerstandslos festnehmen lässt. Später wird sie dann in die Psychatrie eingewiesen.

Kusch selbst verzichtet auf einen Krankenwagen und lässt sich von seiner Fahrerin ins Krankenhaus transportieren. Die Verletzung, die einerseits im Polizeibericht als „oberflächliche Schnittwunde" bezeichnet wird, andererseits von Polizeipräsident Nagel als „tiefe Fleischwunde", wird mit fünf Stichen genäht. Kusch lässt danach ausrichten, dass er jetzt eine Pause einlegen wolle, aber laut Polizeipräsident Nagel „bereits am Samstag wieder Wahlkampf machen will". Psychologen sehen darin nicht automatisch eine Gefahr für seine Gesundheit: „Wichtig ist nur, dass er in der ersten Schockphase zur Ruhe kommt, und die dauert 48 Stunden", sagte der Traumatologe Christian Lüdke dem Tagesspiegel.

Bislang hat die Polizei noch keine genaue Kenntnis über das mögliche Tatmotiv. Folgt man den Ausführungen des Polizeipräsidenten und des Leiters der Abteilung Staatsschutz, Bodo Franz, könnte es Zufall gewesen sein, dass Kusch das Opfer wurde. Franz und Nagel betonten, dass die Polizei „keine Kenntnis darüber hatte, dass Kusch an diesem Tag an den Infostand der CDU kommen wird". Aber selbst wenn man Kenntnis gehabt hätte, sagte Nagel, hätte dies nichts an der Einschätzung der Gefahrenlage geändert. Nach Polizeiauffassung lag „keine besondere Sicherheitslage" vor. Merkwürdig ist allerdings, dass der Besuch von Kusch angeblich gar nicht bekannt gewesen ist. Sowohl das Abendblatt als auch der Tagesspiegel hatten den Termin gemeldet. Erst auf zweimalige Nachfrage beim Polizeipressesprecher Reinhard Fallak sagte der: „Vielleicht ist uns da etwas durchgegangen."

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