Politik : Zwei wollen - und zwei andere auch

Matthias Meisner

Hat die Grünen der Mut verlassen? Drei Monate vor dem Bundesparteitag in Karlsruhe hat Grünen-Bundesgeschäftsführer Reinhard Bütikofer die Erwartungen jener enttäuscht, die an eine schnelle und reibungslose Personalrochade glaubten. Es wäre "nicht richtig", den Parteitag, der schon über die Reform der Parteistruktur und den Atomausstieg entscheiden müsse, "noch mit einer Personalentscheidung zu belasten", sagt Bütikofer. Rückendeckung für Gunda Röstel und Antje Radcke, das in der Partei umstrittene Vorstands-Duo? Aussitzen bis zum Bundesparteitag im Dezember 2000, an dem die Vorstandswahlen turnusmäßig fällig wären?

Dass Fritz Kuhn will, steht zweifelsfrei fest. Und Renate Künast will auch. Zwei Kandidaten für die künftige Führungsspitze der Grünen warten nur darauf, zu dürfen - doch was bremst die Partei, den Fraktionschef aus Baden-Württemberg und die Fraktionschefin aus Berlin zu wählen?

Seit Wochen werben Kuhn und Künast für sich und um die Strukturreform, die erlauben soll, dass künftig auch derjenige ein Spitzenamt in der Partei innehaben darf, der gleichzeitig Abgeordneter in einem Landesparlament oder dem Bundestag ist. Die Schlacht in Karlsruhe sollte nach dem Willen von Parteistrategen einen "unheimlichen Schub" für die NRW-Landtagswahl im Mai bringen, die für die Grünen nahezu überlebenswichtig ist.

Jetzt kommt die Nagelprobe später - und doch früher als festgelegt. Wenige Tage vor Weihnachten haben sich nach Informationen des Tagesspiegel führende Realpolitiker intern verständigt, den Dezember-Parteitag vorzuziehen, womöglich auf Juni oder Juli.

Ob damit allerdings auch der personelle Aufbruch noch vor dem Sommer zustande kommt, ist offen - nicht nur, weil der März-Parteitag die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für die Strukturreform versagen könnte. Bisher jedenfalls schließt das amtierende Vorstands-Duo nicht aus, noch einmal anzutreten. Röstel, nach der Niederlage bei der Sachsen-Landtagswahl im vergangenen September schon zum Rücktritt entschlossen, wartet bisher vergeblich auf eine Versorgungs-Offerte, die ihr den Amtsverzicht leicht machen könnte.

"Ich werde mich nicht aus der Politik verabschieden", versichert Röstel. Auch Radcke, deren Verhältnis zum heimlichen Vorsitzenden Joschka Fischer als spürbar abgekühlt gilt, zeigt Trotz gegen Mobbing aus den eigenen Reihen. Beide fühlen sich durch jene gestärkt, die meinen, unter gegebenen Umständen habe es die Spitze gar nicht so schlecht gemacht.

Dazu kommt, dass sowohl Kuhn wie Künast mit dem Schönheitsfehler behaftet sind, zu häufig in verschiedenen Planspielen aufgetaucht zu sein. Zudem ist Kuhns Nähe zum Außenminister vielen Grünen suspekt - sein Spitzname "Fischers Fritz" wirkt auf viele an der Basis abschreckend, denen Postengeschacher ein Gräuel ist.

Zusammengenommen stehen vier Unbekannte vor mehr Schlagkraft der grünen Partei: Akzeptiert die Basis das Szenario zum Atom-Ausstieg, kommen die Grünen wieder in die Landtage von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, geht die Strukturreform durch? Einer sagt: "Viele Möglichkeiten für den jetzigen Vorstand zu gewinnen - aber auch zu verlieren."

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