Politik : Zweifel und Verzweiflung

Einwohner von Beslan fordern unabhängige Untersuchung des Geiseldramas

Elke Windisch[Moskau]

Alexander Dsasochow, Präsident der russischen Teilrepublik Nordossetien, war schnell fertig mit den Einwohnern von Beslan, die seit Donnerstagmorgen den Verkehr auf der Autobahn Rostow–Baku lahm legen. Die Polizei werde dort bald Ordnung schaffen. Eine Drohung, die bisher nicht wirkte. Im Gegenteil: Zu Beginn waren es ganze 70, inzwischen beteiligen sich über 300 Menschen an der Protestaktion. Sie fordern den Rücktritt von Dsasochow und die Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission. Nur die könne Licht in das Dunkel bringen, das nach wie vor über Vorgeschichte und Hergang des Geiseldramas Anfang September in der Schule von Beslan liegt. Dabei, vor allem aber bei dem chaotischen Sturm am dritten Tag, kamen nach offizieller Darstellung über 330 Menschen um, die meisten waren Kinder.

Der Protest ist ein Akt purer Verzweiflung. Angesichts mehr oder minder unfreier Medien, einer abhängigen Justiz und der Tatsache, dass die demokratische Opposition im Parlament nicht mehr vertreten ist, ist er für viele Russen zunehmend letztes Mittel, sich bei der Macht Gehör verschaffen. Zwar ermitteln momentan sowohl die Staatsanwaltschaft als auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss. Beiden vertrauen die Protestler aber nach geschönten Zwischenberichten nicht. Der Abschlussbericht wird für Februar erwartet. Die Einwohner von Beslan bezweifeln sowohl die offiziell genannte Zahl der Opfer als auch die der Terroristen. Auch gelten mehrere Kinder nach wie vor als vermisst, bei der Identifizierung der oft grausam entstellten Leichen gab es offenbar Fehler, weil aus Kostengründen auf DNA-Analysen verzichtet wurde.

An der Protestaktion beteiligt sich auch das Lehrerkomitee, das über das Internet- Portal „hilfebeslan.de“ Spenden sammelt. Die Leitung des Komitees hatte wiederholt Versuche des Staates beklagt, das Portal unter seine Kontrolle zu bekommen und die Spenden auf die offiziellen Entschädigungen anzurechnen. Überlebende bekommen maximal 100 000 Rubel – rund 2700 Euro –, die Hinterbliebenen für ihre Toten das Doppelte. Das Lehrerkomitee gehörte zu den wenigen, die in Russland für die Tsunami-Opfer in Südasien spendeten. Fast 30 000 Euro. Die ganze Welt, so der Vorsitzende Wissarion Assejew, habe Beslan geholfen, jetzt müsse Beslan Solidarität zeigen.

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