• Zweisprachiger Unterricht: In vielen Berliner Schulen ist der bilinguale Versuch gescheitert

Politik : Zweisprachiger Unterricht: In vielen Berliner Schulen ist der bilinguale Versuch gescheitert

Gerd Nowakowski

Wie erfolgreich ist die zweisprachige Erziehung? Am französischen Gymnasium in Tiergarten, an der John-F.-Kennedy-Oberschule oder an den Europaschulen wird die Frage auf Unverständnis stoßen. Zweisprachigkeit ist ein wesentliches Handwerkszeug für eine globalisierte Welt - deswegen schicken Eltern ihre Kinder dorthin.

Die zweisprachige Erziehung ist die Zukunft, das Erlernen einer Sprache - der deutschen - aber ist die Basis. Eine Selbstverständlichkeit? Offensichtlich nicht für Berliner Bildungsstätten, an denen mehrheitlich türkisch-stämmige Kinder die Schulbank drücken. Dort ist das Erlernen der deutschen Sprache nicht gewährleistet, und deshalb ist die zweisprachige Alphabetisierung in Berlin in der Krise. Die einstigen Hoffnungen wurden enttäuscht. Von ehemals 19 Schulen, die das Konzept anwandten, sind nur noch sieben übrig geblieben. Am Ende jahrelanger pädagogischer Bemühungen stehen in Deutschland geborene Kinder, die Analphabeten in zwei Sprachen sind: Sie beherrschen weder Deutsch noch Türkisch.

Hat die Pädagogik versagt? Ja, weil sie mit der Überheblichkeit der Reformpädagogen ihren Einfluss auf die Erziehung überschätzt hat. Nein, weil die Schule soziale Defizite nicht wettmachen, sondern nur abmildern kann. Pädagogen sind hilflos, wenn die familiäre Sozialisation in türkischen Familien versagt, Eltern sich kaum um ihre Kinder kümmern, Hilfsangebote der Schule ablehnen und meinen, die Erziehung ihrer Kinder sei Aufgabe der Lehrer. In solchen Verhältnissen kann zweisprachige Ausbildung nicht gelingen. Weil die schulischen Erfolge in den innerstädtischen Problembezirken bescheiden bleiben, machen auch die Mittelschicht-Türken nicht mehr mit. Die schicken ihre Kinder inzwischen lieber in andere Bezirke, damit die Sprösslinge etwas Gescheites lernen. Schulausbildung ist auch eine soziale Frage, so einfach ist das.

Zweisprachige Erziehung, ein Irrweg der Pädagogik? Manches spricht dafür, auch wenn es engagierte Lehrer gibt, die von Erfolgen berichten können. Schule aber kann unter diesen Bedingungen nicht erfolgreich sein, und sie kann nicht die Integrationsprobleme lösen. Deutschland hat nicht "Gastarbeiter", die für ein paar Jahre ins Land gekommen sind, sondern Menschen, die ihr Leben lang in Deutschland bleiben werden. Diese schlichte Wahrheit auszusprechen, hat sich die Politik jahrzehntelang nicht getraut. Nun steht die dritte Generation von "Türken" auf der Straße - sprachlose Fremde ohne Ausbildungschancen.

Die Erleichterung der Einbürgerung ist nichts wert ohne die Pflicht zur Integration. Und die fängt in der Schule an. Diese Verpflichtung aber wird den Eltern türkischer Kinder nicht vermittelt, die zweisprachige Erziehung vermutlich als Freibrief verstanden. Deswegen werden Lehrer im Nebenberuf zu Sozialarbeitern, die unwilligen ausländischen Familien bei deren Integrationsproblemen beispringen müssen. Kinder sollen soziales Verhalten im Klassenverband lernen, dazu gehört auch die Integration von ausländischen Kindern. Etwas anderes ist es, wenn wenige deutsche Kinder in Klassen mit vielen türkisch-stämmigen Kindern unfreiwillig zu unbezahlten Hilfslehrern gemacht werden und selbst nichts lernen. Das überfordert Lehrer und Kinder gleichermaßen. Wen wundert es, wenn deutsche Eltern ihre Kinder lieber in andere Schulen schicken und in Kreuzberg oder Neukölln reine Ausländerklassen zurückbleiben?

Sind uns die USA, das klassische Land der Emigranten, wieder einmal voraus? Kalifornien mit einem hohen Anteil an Hispanics hat die zweisprachige Erziehung aufgegeben. Im Ergebnis haben sich die Englisch-Kenntnisse der Schüler deutlich verbessert. Brauchen wir in Deutschland das Gleiche? Entscheiden kann das nur die Politik, nicht die Schule. Die Zweisprachigkeit ist die Zukunft in Europa; dafür zu sorgen, dass jeder Schüler wenigstens Deutsch kann, wäre hier zu Lande ein Anfang.

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