Politik : Zwischen Blair und BBC

Wie Hutton versucht, die Umstände von Kellys Tod aufzuklären

Matthias Thibaut[London]

Einen Sündenbock oder Neues über die irakischen Massenvernichtungswaffen hat die erste Woche der Kelly-Untersuchung nicht ans Tageslicht gebracht. Schon jetzt lässt sich erahnen, dass die Ergebnisse komplex sein werden, wenn Richter Lord Hutton in ein paar Monaten seinen Bericht vorlegt, um einen eindeutig Schuldigen zu identifizieren.

Zwei Handlungsstränge hatte das Drama um den Selbstmord des Biowaffenexperten: Der eine führt in die BBC, wo die Einflussnahme auf die Journalistin Susan Watts der Propaganda der Downing Street nur wenig nachzustehen schien. Watts kam unter Druck, die sehr viel weiter gehende Darstellungen ihres Kollegen Andrew Gilligan über die Informationspolitik der Regierung zu stützen. Doch in Huttons Untersuchung sagte sie, Regierungswissenschaftler David Kelly habe „ausdrücklich bestritten“, dass Tony Blairs Kommunikationsdirektor Alastair Campbell direkt an den Veränderungen des September-Dossiers beteiligt war. Den Vorwurf, dass Dokument sei „sexier“ gemacht worden, erkenne er nicht, so Kelly laut Watts. Prompt schrieb die Boulevardzeitung „Sun“, die BBC möge sich entschuldigen und Lord Hutton seine Untersuchungen einstellen. Auch das gelassenere „Wall Street Journal“ sprach von einer „Kultur der Vorurteile“ in der BBC.

Der zweite Handlungsstrang führt zu Kelly und seinen Vorgesetzten. Die Untersuchung zeigt, wie der Beamtenapparat dem Wissenschaftler zusetzte, nachdem er sich als potenzieller Gewährsmann des BBC-Journalisten Gilligan zu erkennen gegeben hatte. Verteidigungsminister Geoff Hoon steht in der Kritik, weil er über den Rat seiner Beamten hinweg Kelly vor dem Ausschuss aussagen ließ – oder „Kelly den Wölfen vorwarf“, wie der „Daily Mirror“ schrieb. Doch es war der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, John Scarlett, der ein detailliertes Verhör mit Kelly forderte. Kelly stand schon im Februar im Verdacht des Geheimnisverrats, offenbar wurde gegen ihn ermittelt. Wie weit Blair verstrickt ist, wird von den Zeitungen intensiv beleuchtet. In der nächsten Woche soll nun Campbell aussagen. Die Untersuchung brachte bislang keine Aufschlüsse über die Aufrichtigkeit der Irak-Informationspolitik. Kelly erscheint als ein Mann, der zwischen die Mühlsteine widersprüchlicher Interessen geriet und mit dem Druck „schlecht umgehen konnte“, wie sein Personalchef formulierte.

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