Politik : Zwischen den Fronten

Elke Windisch

Moskau. Erst hat der arabische Fernsehsender Al Dschasira unter Berufung auf Taliban-Quellen den Tod des Generals gemeldet. Dann meldete sich Abdurraschid Dostum telefonisch bei CNN-Türk und dementierte: Er sei nicht tot. Der Wirrwarr um den angeblichen Tod Dostums ist nicht die einzige Unbekannte im afghanischen Königspoker: Der Führer der ethnischen Usbeken Afghanistans gilt als Wendehals. Seine Milizen versuchen seit Wochen, den Taliban die Hauptstadt Nordafghanistans, Mazar-i-Scharif, wieder abzunehmen.

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags In den 80er Jahren kämpfte Dostum auf Seiten der Sowjets. Nach deren Abzug 1989 wechselte er die Fronten und stürzte 1992 zusammen mit dem späteren Präsidenten Burhanuddin Rabbani und dessen Kriegsminister Moskaus Marionette Nadschibullah. Die von Dostum kontrollierten Provinzen im Nordwesten blieben dem Einfluss der Zentralregierung jedoch weit gehend entzogen. Als Rabbani 1996 vor den Taliban aus Kabul flüchtete, schloss Dostum sich ihnen zwar zeitweilig an. Doch bei der Entscheidungsschlacht um Mazar-i-Scharif im Sommer 1998 liefen Teile seiner Hausmacht, darunter auch sein Vize Abdulmalik, zu den Taliban über. Inwieweit Dostum, der danach emigrierte, an dem Verrat einen Anteil hat, ist bis heute ungeklärt.

Unklar ist auch, wie lange und zu welchen Konditionen er diesmal zur Stange hält. Mit der vor allem aus ethnischen Tadschiken bestehenden Nordallianz verbinden ihn nur lockere Absprachen. Die, so fürchtete schon Massud, könnten nach Einnahme des von Dostum belagerten Mazar-i-Scharif am Kompetenzgerangel der Ethnien und ihrer Führer zerbrechen.

Dazu kommt, dass die Nordallianz zunehmend allergisch auf politische Bemühungen der USA zur Lösung der Afghanistan-Krise reagiert. Schon im Vorfeld eines Bodenkriegs hatte einer der Stellvertreter Fahim Khans gedroht, Teile der Nordallianz würden gemeinsam mit den Taliban den Aggressor bekämpfen.

Öl ins Feuer gossen Bemühungen von US-Staatssekretär Colin Powell, Vertreter der gemäßigten Taliban an einer Übergangsregierung zu beteiligen. Vertreter der Nordallianz hatten Anfang Oktober mit dem im römischen Exil lebenden afghanischen Exkönig Zakir Schah die Einsetzung eines "Obersten Rates zur nationalen Einheit" vereinbart. Dessen 120 Mitglieder sollten paritätisch von Nordallianz und Monarch ernannt werden. Auf Drängen der USA forderten dessen Emissäre Mitte letzter Woche jedoch, 20 Sitze für die gemäßigten Taliban. Die Nordallianz wirft diesen aber blutige Repressionen gegen Minderheiten vor und lehnte ab. Mehr noch: Sie nahm ihre Offensive zur Einnahme Kabuls wieder auf, um vollendete Tatsachen zu schaffen.

Ausweg aus dem Dilemma wäre die Rückkehr unter den Schirm der UN. Putin hat sich dafür bei Treffen mit den Staatschefs Chinas und Indiens am Rande des Schanghai-Forums ausgesprochen - und will auch US-Präsident George Bush überzeugen. Doch die Chancen, dass dieser darauf eingeht, sind äußerst gering. Der Anti-Terror-Koalition droht die erste große Zerreißprobe.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben