Politik : Zwischen Rezession und Stagnation

Experten streiten über deutsche Wirtschaftsentwicklung / Bruttoinlandsprodukt abermals gesunken

Anselm Waldermann

Berlin. Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal erneut geschrumpft. Laut Statistischem Bundesamt sank das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal um 0,1 Prozent. Schon im ersten Quartal war das Wirtschaftswachstum mit einem Minus von 0,2 Prozent negativ ausgefallen. Damit stellt sich die Frage: Steckt Deutschland nun in einer Rezession – oder nicht?

Experten und Politiker sind sich dabei uneins. Laut international gängiger Definition handelt es sich um einen klaren Fall von Rezession, denn das Wachstum war zwei Mal hintereinander negativ. Außerdem ließe sich anführen, dass auch das letzte Quartal 2002 nur eine rote Null aufgewiesen hat.

Für die Gegner dieser aus den USA stammenden, streng formalen Sichtweise ist das hingegen nicht so klar. Bei Zahlen um die Nullgrenze sei es schließlich Haarspalterei, wegen einer Nachkommastelle eine Rezession an die Wand zu malen, argumentieren sie. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) erklärte, er wolle lieber von einer Stagnation sprechen. Auch Kanzler Gerhard Schröder (SPD) will das böse R-Wort nicht in den Mund nehmen. Rezession sei „ein Begriff, der auf ganz andere Zustände zutrifft“. Manche Wirtschaftsexperten stimmen dem zu: „Die rein technische Sichtweise greift zu kurz“, sagt zum Beispiel Ulrich Ramm, Chefvolkswirt der Commerzbank. Die Opposition sieht das anders. „Jetzt ist die Rezession amtlich“, meinte FDP-Chef Guido Westerwelle. Auch er bekommt Unterstützung von Seiten einzelner Experten, zum Beispiel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Deutschland befinde sich – zumindest „technisch gesehen“ – in einer Rezession, hieß.

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