Politik : Zwischen Vergangenheit und Moderne

Straßenrestaurants gibt es überall, viele Menschen essen dort. In Pathein werden die Schirme gemacht, die auch Aung San Suu Kyi vor Sonne schützen.
Straßenrestaurants gibt es überall, viele Menschen essen dort. In Pathein werden die Schirme gemacht, die auch Aung San Suu Kyi...

Das Leben in Birma ist je nach Ort sehr unterschiedlich. Die Hafenstadt Rangun ist die wohl lebendigste, auch wenn sie mit anderen asiatischen Metropolen nicht zu vergleichen ist. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Einkaufspassagen entstanden, darunter durchaus luxuriöse. „For a selected few“ steht schon mal selbstbewusst an einem Neubau. An den Zeitungsständen ist zu sehen, dass die Zensur gelockert worden ist, völlig frei dürfen die Medien aber noch nicht berichten. Auf dem Land fühlt man sich allerdings häufig, als habe man eine Zeitreise in die Vergangenheit angetreten. Was auf manchen Besucher idyllisch wirken mag, ist für die Menschen in der Regel ein Dasein in anstrengender Armut.

Ob in der Stadt oder auf dem Land: Vieles spielt sich am Straßenrand ab. In Blätter gewickelte Betelnüsse, Tanaka, Obst, Kleidung, sogar Welpen und Aquarienfische werden auf dem Trottoir angeboten. Und nicht nur mittags essen viele Menschen am Straßenrand. Das Angebot ist riesig: knallbunte Suppen, Reis, Fleischspieße, farbenfrohe Gelees zum Dessert. Die fliegenden Händler tragen ihre mobilen Stände abends an einem Holzjoch über der Schulter wieder nach Hause. Europäer wundern sich meist über die Sitzgelegenheiten. Sie sehen aus wie Kinderhocker, von der Größe her sind sie das auch, aber sie werden als normale Stühle benutzt: Sie sind billiger und brauchen weniger Platz.

Das Lebensmittelangebot in Rangun ist inzwischen üppig. Bei Ruby Mart, vor dem gern alte Männer Werbung und Musikvideos auf der Großleinwand verfolgen, oder in den extravaganten Malls gibt es sogar verschiedene Sorten Müsli und Bio-Käse aus Australien – jedenfalls für die, die sich das leisten können, Starbucks-artige Ketten mit happigen Preisen wie „Coffee Circles“ machen offenbar gute Geschäfte. Mit einer neuen Lizenzregelung kommen immer mehr neue Autos ins Land, die vorher unerschwinglich teuer waren. Auch die Mode ändert sich. In Rangun tragen vor allem junge Leute immer öfter Hosen statt der typischen Wickelröcke. Mädchen sind hier gern auch mal in knappen Hot Pants unterwegs.

Vielerorts in Birma ist das Leben aber noch sehr traditionell. In ländlichen Regionen ist es unüblich, dass eine Frau ohne Begleitung in ein Lokal geht, Geschäfte sind oft sehr einfach. Die Stadt Pathein im Westen des Landes etwa wirkt an vielen Stellen, als sei die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben. Auf den Straßen prägen Fahrräder, Trishaws und Mopeds das Bild. Viele Läden bieten ihre Waren in alten verglasten Holzvitrinen an, in manchen hockt auch eine Ziege.

Pathein gilt als die Stadt der Schirme. Die Welt kennt die Schirme spätestens seit dem Wahlkampf, wo ständig ein Helfer Aung San Suu Kyi mit einem solchen Prinzessinnenutensil vor der Sonne schützte. Zum Teil werden sie von sehr jungen Birmanen gefertigt. Wer durch die Stadt geht, sieht hinter bodenhohen Fensterläden Teenager bei der Arbeit am Boden sitzen, die Mutter pinselt nebenan noch rasch Farbe auf den Griff, schon ist ein neues Modell in Rot, Grün, Blau oder Gelb verkaufsbereit. Die bunt bemalten Schirmchen bilden einen merkwürdigen Kontrast zum ärmlichen Ambiente, in dem sie angeboten werden.

Auch die meisten Friseursalons sind sehr einfach: zur Straße hin offen, ein hölzerner Drehstuhl, ein einfaches Regal, ein Spiegel, etwas Deko, eine Neonlampe. Der Preis ist aus europäischer Sicht unschlagbar günstig: Ein Schnitt kostet beim Dorfcoiffeur umgerechnet 50 Cent. Er gibt allerdings auch Auskunft über die bescheidenen Mittel der Birmanen: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Birma wird auf 1535 Dollar geschätzt, viele Menschen verdienen aber nur einen Bruchteil davon.

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