Zypern : Die Mauer in den Köpfen

Nach mehr als 30 Jahren finden sich auf Zypern immer mehr Menschen mit der Teilung der Insel ab.

Albrecht Meier[Nikosia]
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Plötzlich geht es in der Altstadt von Nikosia nicht mehr weiter. Eine mannshohe Barriere versperrt den Weg, vier Soldaten lugen darüber hinweg. Die jungen Männer, die hier, auf der türkischen Seite der Demarkationslinie, Dienst tun, geben sich entspannt. „Bald“, sagt einer von ihnen, „wird das alles hier verschwunden sein“. Hundert Meter hinter ihm liegt der griechische Teil der Altstadt, deutlich ist die griechische Flagge zu sehen. Aber man kommt nicht hinüber – zumindest nicht hier, an der Ledra Street.

Auch bei der UN-Truppe auf Zypern hofft man, dass der symbolträchtige Übergang an der Ledra Street bis Weihnachten geöffnet wird. Käme es dazu, dann könnten die zyprischen Kartografen wieder ein Stück von der Demarkationslinie wegradieren. Seit 1974 ist die Insel geteilt – in den von türkischen Soldaten besetzten Norden und den griechischen Süden, die offizielle Republik Zypern. 2003 wurde die Grenze an einigen Stellen geöffnet, aber eine politische Lösung für die Insel ist weiter nicht in Sicht. Das Zypernproblem gilt als eines der größten Hindernisse für einen EU- Beitritt der Türkei, deren Annäherung an die Union jedes Jahr in den Brüsseler Fortschrittsberichten bewertet wird – auch wieder an diesem Dienstag.

Von Fortschritt kann auf Zypern keine Rede sein, im Gegenteil. Wer verstehen will, warum sich Inselgriechen und Inseltürken einfach nicht näherkommen, muss nach Pyla reisen. Ein historischer Zufall wollte es, dass sich der Ort in den Hügeln südöstlich von Nikosia, in dem Griechen und Türken zusammenlebten, nach dem Ende der Kämpfe von 1974 mitten in der UN-Pufferzone wiederfand. Also blieben Griechen und Zyprer nach 1974 in dem Ort zusammen, ohne wirklich zusammenzufinden: Die Kinder besuchen getrennte Grundschulen, es gibt keine Ehen zwischen Griechen und Türken, und im Zweifelsfall verlassen sich beide Gruppen lieber auf das Schlichtungsgeschick Dritter. Wenn es in Pyla Autounfälle gibt oder Schlägereien, kommt die UN-Polizei.

Was sich in Pyla im Kleinen abspielt, lässt sich auf Zypern im Großen seit Jahrzehnten beobachten. Zuletzt sah es im Jahr 2004 nach einer Einigung zwischen Griechen und Türken aus, als beide Volksgruppen über den „Annan-Plan“ abstimmten. Der Plan scheiterte an der Ablehnung der Inselgriechen, also mussten die Vereinten Nationen erneut zu Hilfe eilen. Unter den Augen des stellvertretenden UN-Generalsekretärs Ibrahim Gambari vereinbarten beide Seiten im Juli 2006, die Gespräche über die Wiedervereinigung der Insel wiederaufzunehmen.

Seither trafen sich die Berater des zyprischen Präsidenten Tassos Papadopoulos und des türkisch-zyprischen Volksgruppenführers Mehmet Ali Talat über 50-mal. Konkrete Ergebnisse blieben aus. Angesichts des Stillstands in der Wiedervereinigungsfrage richten sich inzwischen offenbar immer mehr Menschen im Süden und im Norden der Insel mit dem Status quo ein.

Im Norden hat das „Nein“ der Südzyprer zum Annan-Plan vor dreieinhalb Jahren der politischen Einigungsbewegung einen kräftigen Dämpfer erteilt. Auch Idealisten wie Emine Erk, die Präsidentin des Türkisch-Zyprischen Menschenrechtsorganisation, haben es inzwischen schwer, gegen einen wachsenden türkischen Nationalismus durchzudringen. Im Januar 1964 musste die Inseltürkin als Kind Zypern verlassen, nachdem die Familie nach einem griechischen Angriff das Haus in einem Vorort von Nikosia verloren hatte. 1981 kehrte sie zurück und galt schnell in den eigenen Reihen als „Verräterin“, weil sie Kontakte mit der griechischen Seite pflegte. Heute sagte die Menschenrechtlerin: „Es geht zunehmend die Motivation verloren, mit den Menschen im Süden zu reden.“ Sie kann verstehen, warum immer weniger Zyperntürken an Wiedervereinigung glauben und sich stattdessen an die Idee eines eigenen Staates klammern. Je mehr man ausgeschlossen wird, sagt sie, desto wichtiger würden auch Symbole wie die nordzyprische Flagge.

Allerdings genießt die „Türkische Republik Nordzypern“, in der Emine Erk lebt, keine völkerrechtliche Anerkennung. Deshalb wird im Süden auch alles, was wie eine Aufwertung des Nordens erscheint, mit Argusaugen beobachtet. Im September stattete der neu gewählte türkische Präsident Abdullah Gül dem Norden einen Besuch ab und sprach dort von „zwei Demokratien, zwei Staaten, zwei Sprachen und zwei Religionen“ auf der Insel. Zyperns Präsident Papadopoulos und seine Außenministerin Erato Kozakou-Marcoullis werfen der türkischen Seite vor, nicht mehr eine griechisch-türkische Föderation als Zukunftsmodell für die Insel anzustreben, sondern nur noch eine lose Partnerschaft.

Beobachter gehen davon aus, dass sich politisch in der Zypernfrage vor den Präsidentschaftswahlen in der Republik, bei denen Papadopoulos noch einmal antritt, nicht viel tun wird. In den Umfragen deutet vor den Wahlen im kommenden Februar alles auf ein knappes Rennen hin. An ernsthafte Verhandlungen ist erst nach der Wahl zu denken.

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