Zypern : "Historischer Moment"

Gespräche über Wiedervereinigung

Gerd Höhler

Glyfada - Der türkische Volksgruppenführer auf Zypern, Mehmet Ali Talat, rechnet mit einer raschen Wiedervereinigung der seit 34 Jahren geteilten Insel: „Wir hoffen, bis Ende des Jahres eine Lösung zu erreichen“, sagte Talat am Mittwoch zum Auftakt der Verhandlungen über eine Lösung der Zypernfrage. Die Gespräche begannen mit einem 90-minütigen Treffen Talats mit dem griechisch-zyprischen Präsidenten Dimitris Christofias in der Residenz des Vertreters der Vereinten Nationen.

Der neue Zypern-Sonderbeauftragte der UN, Alexander Downer, bezeichnete den Beginn der Gespräche als „historischen Moment“. Der frühere australische Außenminister soll bei den Verhandlungen, die am 11. September fortgesetzt werden, die Rolle eines Moderators übernehmen. Auch der Inselgrieche Christofias zeigte sich verhalten zuversichtlich: „Wir wollen eine Lösung so rasch wie möglich, das ist der Wunsch aller Zyprer – garantieren können das aber weder ich noch Herr Talat“, schränkte Christofias ein. Mit der Wahl des Reformkommunisten zum Präsidenten im griechischen Süden kam im Februar neue Bewegung in die seit vier Jahren festgefahrene Zypernfrage.

Im Frühjahr 2004 war ein Einigungsplan des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan gescheitert: Die türkischen Zyprer stimmten dem Annanplan zwar in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit zu, die Inselgriechen wiesen ihn aber zurück.

Die beiden Volksgruppenführer wollen künftig etwa einmal pro Woche zusammentreffen. Parallel dazu werden Delegationen beider Seiten an Einzelfragen arbeiten. Das gestrige, eher zeremonielle Auftakt-Treffen verlief in gelöster Atmosphäre. Talat begrüßte Christofias in dessen Muttersprache Griechisch mit den Worten „Ti kanis?“ (Wie geht’s?). Beide Politiker kennen sich seit vielen Jahren. Allein seit Christofias’ Wahl im Februar trafen sie bereits vier Mal zusammen. Die Hoffnung Talats, die Gespräche noch in diesem Jahr erfolgreich abschließen zu können, erscheint allerdings übertrieben optimistisch. Denn die Fragen, die es nun zu klären gilt, sind kompliziert.

Strittig ist vor allem, ob es sich bei dem künftigen Zypern um einen Bundesstaat handeln wird, wie es den Griechen vorschwebt, oder um einen eher lockeren Staatenbund, wie ihn die türkischen Zyprer wollen. Weitere Knackpunkte dürften die Zukunft der rund 40 000 im Norden stationierten türkischen Besatzungssoldaten und die künftige Rolle der Türkei sein – Talat will sie, wie schon in der Zypernverfassung von 1960, als Garantiemacht. Damit rechtfertigte die Türkei 1974 ihre Zyperninvasion, mit der sie eine drohende Annexion der Insel durch die damalige Athener Obristenjunta und die befürchtete Vertreibung der türkischen Minderheit verhinderte.

Talat sagte: „Auch Ankara unterstützt eine Lösung“. Damit meinte er den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan. Doch wenn es um Zypern geht, dürften auch die mächtigen türkischen Militärs ein Wort mitreden wollen – was die Sache nicht einfacher macht. Gerd Höhler

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