Politik : Zypern

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Christiana Avraamidou,
Generation 25



Die Vision kam im Herbst, mit den Prinzipien der Geschichte
und dem Glauben an die Hoffnung.
Die Vision hatte einen Namen, hatte sogar eine Form,
war bunt und leuchtend,
vielsprachig und blind,
glaubte an meinen Gott und hielt doch auch andere in Ehren.

"Was die Zukunft bringt, steht am Himmel geschrieben,
Milliarden können es sehen und das Licht miteinander
teilen"
sagte sie zu mir, als ich heimatlos war und bot mir ein
Dach über dem Kopf,
stillte meinen Hunger und gab mir zu essen.
"Der Name, den du suchst,
das ersehnte Zuhause,
die Arbeit, die du noch nie hattest,
der Krieg, in dem du kämpftest,
der Schnee, der dich bedeckte,
die Hitze, die dich schwitzen ließ,
das ist deine Vergangenheit.
Ich weiß, du brauchst etwas Ruhe."
Die Länder haben sich auf der Landkarte vermengt,
jetzt sind die Grenzen gefallen,
geh 50 Jahre zurück,
erweise jenen Ehre, die die Stimme erhoben.

"Ich fürchte mich vor Gewittern,
ich habe Angst vor Kriegen.
Versprich mir, in Zukunft gibt es
das alles nicht mehr."
 
Die Vision verbeugte sich, und das Lächeln breitete sich aus:
"Mach dir keine Sorgen um die Erde,
hab keine Angst vor Krieg.
Du kannst hier und dort leben, deine Arbeit auf
unterschiedliche Weise tun,
der Frieden ist sicher, Gleichheit ist mein Ziel."

Als ich erwachte, erkannte ich:
Alles, wovon ich geträumt hatte,
gehörte zu jenem Ideal,
das nun die meisten teilten.
Ich bin Europäerin, und ich gehöre dazu.
Die Vision versprach mir eine Zukunft,
wie sie jeder haben wollte.

Gib mir das Licht, gib mir das Leben.
Gib mir eine Familie, und gib mir Hoffnung.
Träume meine Träume, und spüre meine Ängste.
Riech die Farben, die ich rieche.
Lass mich bei dem Ideal dabei sein.

Europa, hör mir zu:
Du bist jetzt meine Mutter.
Du hast mich zur Welt gebracht,
auch wenn ich behindert und arm bin.
Lieb mich so wie ich dich,
und ich glaube an das Ideal.

Die Autorin, Jahrgang 1978, gilt als eine der besten zyprischen Poetinnen jüngerer Generation. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Ayche.



Neshe Yashin,
Generation 50

Heute Morgen habe ich meine Augen mit einer Frage geöffnet: Ist hier Europa?

Nach meinem Pass und nach den Fahnen auf der Straße ist es so… Aber warum benutzen wir beim Reden, uns geographisch vom Ganzen trennende Sätze wie "In Europa….." oder sagen nach einer Reise "Ich war in Europa". Ist denn nicht Europa im Grunde eine imaginäre Landkarte, ein Gebiet der gedanklichen und kulturellen Zugehörigkeit? Wie sehr fühlen wir uns zugehörig? Wenn die südliche Hälfte hier Europa ist, was ist denn dann die nördliche Hälfte? Ach, diese Situation des nicht wieder vereinigt seins, des keine Lösung Findens! Aber haben wir denn nicht Europa als einen Helden gesehen, der uns aus der jahrhundertelangen Einsamkeit befreit und am Ende uns wieder vereinigen wird?

Wir wollten so gerne Europäer sein! Denn diese Zugehörigkeit, die den Gipfel in der Identitätshierarchie darstellte, sollte uns ein noch sichereres Haus sein, uns aus dem Gefängnis unserer nationalen Identitäten befreien, die die Welt als unbedeutend betrachtete, für die wir aber gestorben und uns gegenseitig umgebracht hatten. Noch dazu, haben wir nach so vielen Jahren der Feindseligkeit geglaubt, einen gemeinsamen Traum, ein Dach zu haben unter dem wir gemeinsam existieren können. Das Ergebnis: Enttäuschung

Die Autorin, Jahrgang 1959, Schriftstellerin und Poetin und wirdin beiden Teilen des geteilten Zyperns gelesen.



Panos Ioannidis,
Generation 75

Am 1. Mai 2004, diesem historischen Tag des Beitritts Zyperns als Vollmitglied in die Europäische Union, als Feuerwerkskörper am Himmel zerstoben und auf unseren Plätzen Festkonzerte stattfanden, verspürte ich den Drang, einige bedeutende Bücher meiner Bibliothek zu durchblättern. Auf der neugierigen Suche nach Texten zyprischer Schriftsteller, die sich auf Europa bezogen.

Das Ergebnis war äußerst aufschlussreich. Innerhalb weniger Stunden an jenem Abend und innerhalb der folgenden Wochen, stieß ich auf eine Vielzahl von antiken, mittel- und neuzeitlichen sowie zeitgenössischen Texten, deren Urheber über Länder und Städte Europas schrieben, die sie kennen und lieben gelernt hatten.  Schließlich fand ich nicht wenige Texte, die zum Überdenken des Althergebrachten einladen.

Diese Bemerkungen haben mich und meine Mitarbeiter veranlasst, die Zusammenstellung dreier zweisprachiger Anthologien in Angriff zu nehmen, die Lyrik, Prosatexte und Essays mit Europabezug beinhalten sollten. Die von uns gesammelten Texte hätten gut und gerne Material für eine zweite oder dritte ähnlich geartete Publikationsreihe ergeben, die den Nachweis erbrächten, wie genau und kundig Europa von zyprischen Autoren dargestellt wird. Und das werden wir möglicherweise in Zukunft auch tun.

Der Autor, Jahrgang 1935, ist Schriftsteller. Einer seiner bekanntesten Romane ist "Gregory", der erstmals 1963 erschien und der den zyprischen Freiheitskampf gegen die Briten Ende der 50er Jahre thematisiert. Übersetzt aus dem Griechischen von Dr. Michaela Prinzinger.

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