Politikerbücher im Check : "Ob ich wohl derselbe wäre, wenn ich nicht Martin hieße?"

Viele Politiker haben im Wahljahr Bücher geschrieben. Aber muss man die auch lesen - womöglich noch im Urlaub? Wir haben uns das für Sie angetan.

von , , und Til Knipper, Max Tholl, Antonia Zimmermann
Martin Schulz stellt sein Buch vor. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Martin Schulz stellt sein Buch vor.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Die Gründe für die Politikerbuchschwemme dieses Jahres (übrigens etwas einseitig von der SPD verantwortet) sind relativ klar: Bücher adeln. Wer ein Buch schreibt (oder zumindest die Gedanken beisteuert, die drinstehen), gibt sich den Anschein inhaltlicher Tiefe und Sortiertheit. Der Politiker kann sich mal länger als im Heute-Journal erklären. Außerdem sind Buchpremieren schöne Wahlkampftermine. Aber helfen die Bücher, eine informierte Wahlentscheidung zu treffen? Taugen sie als Urlaubslektüre? Wir helfen Ihnen bei der Entscheidung.

Martin Schulz stellt sein Buch vor. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Martin Schulz stellt sein Buch vor.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Martin Schulz: Was mir wichtig ist (Rowohlt Berlin)

Am Anfang verbreitet SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz erst mal sozialdemokratischen Stallgeruch: Verdun, die Gründung der Europäischen Gemeinschaft nach dem Krieg, Brandts Ostpolitik. Das alles habe ihn geprägt, schreibt Schulz, Helmut Schmidt dagegen eher nicht. Soweit, so bekannt. Dann kommt Würselen, der Traum vom Profifußball, die Gründung der Buchhandlung und wer dann noch weiterliest, wird für sein Durchhaltevermögen leider nicht mit konkreten Politikvorschlägen des SPD-Kanzlerkandidaten belohnt.

Im Gegenteil, vieles bleibt vage, die Formulierungen sind unnötig kompliziert und verschwurbelt, so dass man sich als Leser mitunter eher in einem Angela-Merkel-Buch wähnt: „Mit der fortschreitenden Vernetzung, im Transportwesen wie im Kommunikationsbereich, und durch manchen Strukturwandel, der Menschen zum Umzug zwingt, hat sich die Mobilität in Deutschland noch erhöht.“ Die direkte Auseinandersetzung mit der Kanzlerin meidet Schulz. Warum eigentlich? Stattdessen muss man SPD-Kalendersprüche lesen (z.B. dass sich nur die Reichen einen armen Staat leisten können). Verwundert nimmt man dann noch zur Kenntnis, dass im Außenpolitikteil der Ukraine-Konflikt keine Erwähnung finde. Und wenn Schulz die gefährlichen Populisten dieser Tage aufzählt, fallen ihm nur Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump ein, nicht aber Wladimir Putin. Mit diesem Buch bewirbt sich Schulz eher für den Chefposten der Friedrich-Ebert-Stiftung als für den Einzug ins Kanzleramt.

Das Buch als Tweet: Ich kann kommunal und ich kann Europa. Aber kann ich Kanzler? #würselen, #brüssel

Bester Satz: „Ich frage mich manchmal, ob ich dieselbe Person wäre, die ich heute bin, wenn mich meine Eltern nicht Martin genannt, sondern mir einen anderen Namen gegeben hätten.“

Nicht zu verwechseln mit: Olaf Scholz: Hoffnungsland: Eine neue deutsche Wirklichkeit

Wen das interessiert, der könnte auch lesen: Julia Klöckner: Zutrauen! Ideen statt Ideologien. Was mir in der Politik wichtig ist/Andrea Nahles: Frau, gläubig, links: Was mir wichtig ist

(Rezension: Til Knipper)

Sigmar Gabriel stellt sein Buch vor. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Sigmar Gabriel stellt sein Buch vor.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Sigmar Gabriel: Neuvermessungen. Was da alles auf uns zukommt und worauf es jetzt ankommt (Kiepenheuer&Witsch)

Der Titel ist Programm: „Was da alles auf uns zukommt“ ist ein Buch über alles – und vielleicht ist es gerade deswegen über weite Strecken so langweilig. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) spannt den Bogen von der globalen Weltordnung über die Zukunft Europas, von der Digitalisierung bis zur Einwanderungsgesellschaft, geht dabei aber nur selten über Standarddiagnosen hinaus: Der Westen steckt in der Krise, herausgefordert von den Schwellenländern, Donald Trump und der inneren Entfremdung zwischen seinen Eliten und dem Rest. Europa muss das von den USA hinterlassene ordnungspolitische Vakuum füllen – wobei Gabriel nicht sicher ist, ob die als Wirtschaftsunion konzipierte EU das vermag. Die Digitalisierung ist eine Herausforderung, der wir ohne Angst, aber durchaus mit dem Willen begegnen müssen, bestehendes Recht durchzusetzen. Deutschland muss viele Migranten aufnehmen, aber nicht alle und muss stärker auswählen. Engagiert plädiert Gabriel dafür, es den südeuropäischen Krisenländern leichter zu machen, für ein Europa, das mehr investiert und für eine Sicherheits- und Außenpolitik, die sich nicht im Zwei-Prozent-Ziel der Nato erschöpft. All diese Positionen kennt man von ihm. Das Buch endet mit einem Kirchentagsstuhlkreis: „Wir können eine neue Gesellschaft schaffen, in der Freundschaft möglich ist und weder am Betriebstor noch an nationalen oder religiösen Grenzen haltmacht.“

Das Buch als Tweet: #Alles muss raus! #Weltprobleme-Supersale @spdde: Bitte teilen, machen alle.

Bester Satz: „Ich empfinde es bis heute als eine meiner größten politischen Niederlagen, es nicht geschafft zu haben, Herrn Sarrazin aus der SPD auszuschließen.“

Nicht zu verwechseln mit: Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (wobei: Verwechseln Sie es ruhig.)

Wen das interessiert, der könnte auch lesen: Das Zeit-Lexikon.

(Rezension: Anna Sauerbrey)

Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt - auch sie: Buchautorin. Foto: Reiner Jensen/dpa
Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt - auch sie: Buchautorin.Foto: Reiner Jensen/dpa

Katrin Göring-Eckardt: Ich entscheide mich für Mut: Wie wir Veränderungen in unserem Leben gestalten. (Verlag Kreuz)

Das Buch der grünen Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt ist kein Polit-Buch mit theologischem Anstrich, sondern ein religiöser Leitfaden für Politik und Alltag. Im Mittelpunkt steht Gottes Haus, nicht das des Volkes. Nur die ersten 30 Seiten schildern die politische Prägung und den Werdegang Göring-Eckardts, genannt „KGE“. Hier plaudert sie aus dem Nähkästchen, erzählt, wie sie, die Ostdeutsche, die friedliche Revolution erlebt hat, und weshalb sie die schnelle Wiedervereinigung „damals als verpasste Chance empfand“, einen dritten Weg zwischen Ost und West zu gehen. Wie Tschernobyl zur Initialzündung ihres politischen Engagements wurde und sie Jahre später beinahe auf Anordnung von SPD-Kanzler Gerhard Schröder wegen ihrer Rentenreformpläne aus der grünen Partei gedrängt worden sei. Es folgen 100 Seiten Predigt, auf denen die Spitzenkandidatin der Grünen auf so ziemlich jedes Problem der modernen Existenz mit einer Pauschal-Antwort reagiert: auf Gott vertrauen. Kapitalismuskritik heißt bei Göring-Eckardt, man solle lieber „Schätze im Himmel sammeln“; der Schlüssel zum irdischen Glück liege nicht in der persönlichen Leistung, sondern im Glauben an Gott, „meines Glückes Schmied“ (Sollte das stimmen, mag Gott die Grünen nicht besonders gern, den Umfragen nach zu urteilen). Am Ende fordert „KGE“, dass die Kirche politisch sein muss, ohne Politik zu machen. Es brauche ethische „Bewertungsmaßstäbe“, die nur die Kirche liefern könne. Fazit: Die Sonntagspredigt liefert die gleiche Erkenntnismenge, raubt aber keinen Platz im Bücherregal.

Das Buch als Tweet: #Populismus, #Flüchtlinge, #Terror und #Klima: #Gott hat auf alles eine Antwort – genau wie die #Grünen. #whatwouldjesusdo? #imwithhim

Bester Satz: „Ich mache auch gern mal was ,Spießiges’, ich koche und backe.“

Nicht zu verwechseln mit: T.C. Boyle: Grün ist die Hoffnung

Wen das interessiert, der könnte auch lesen: Die Bibel (Altes und Neues Testament)

(Rezension: Max Tholl)

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) mit Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) bei der Vorstellung von Müllers Buch "Unfair". Foto: Kay Nietfeld
Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) mit Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) bei der Vorstellung von Müllers Buch "Unfair".Foto: Kay Nietfeld

Gerd Müller: Unfair! Für eine gerechte Globalisierung (Murmann Verlag)

Den Satz „Unermüdlich sucht er nach besseren Lösungen“ will wohl kaum jemand in seinem Arbeitszeugnis haben. ebenso wenig die Anmerkung, man schaue „mit einem unvoreingenommenen, jugendlichen Blick“ auf die Welt. Und warum nicht? Weil das grob übersetzt heißt, man sei ein naiver Depp. Die Sätze finden sich im Vorwort zum Ministerbuch, sind also höchstwahrscheinlich so nicht gemeint, aber völlig falsch wäre das nicht gewesen. Tatsächlich wühlt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sich vor allem im Ton des Staunens tief hinein in die Geschichte und die vielen Felder der globalen Ungerechtigkeiten, deren Konsequenzen sich heute vor allem in Afrika besichtigen lassen. Er schaufelt Seite um Seite mit Zahlen voll, die sich teilweise mehrfach wiederholen, was den Eindruck verstärkt, er könne selbst kaum glauben, was er da schreiben muss. So reich die einen, so arm die anderen, so mächtig die Konzerne, so einflusslos der Viehhirte. Das kann doch alles nicht wahr sein! Man muss sich trotzdem nicht schämen, dieses Buch zu lesen. Die Zahlen, die einem um die Augen schwirren, belegen in der Tat skandalöse Zustände, und an Müllers Anliegen, die globale Ungerechtigkeit mal mit ministerialer Feder zu beklagen, ist auch nichts falsch. Schade nur, dass er die vielen Reisen, die er in Notstandsgebiete, zu Hilfsprojekten nicht mutiger als Erzählstoff nutzt. Das schimmert hier oder da nur mal verschämt am Kapitelanfang durch. Dabei ist es doch genau das, was er den Lesern voraus hat: die Konfrontation mit der elenden Realität. Die Weltungerechtigkeitszahlen bekommen die auch im Internet.

Das Buch als Tweet: Appell an die Reichen: unbedingt mehr teilen und abgeben! #Gutmensch, #Klima, #Globalisation

Bester Satz: „Deutschland alleine verbraucht so viel Strom wie alle afrikanischen Staaten zusammen.“

Nicht zu verwechseln mit: Gerd Müller, Bomber der Nation

Wen das interessiert, der könnte auch lesen: Rupert Neudeck: Die Kraft Afrikas. Warum der Kontinent noch nicht verloren ist. Und alles von Al Gore, Jean Ziegler oder Oxfam.

(Rezension: Ariane Bemmer)

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) gibt am 19.07.2017 in Berlin ein Interview. Foto: Daniel Naupold/dpa
Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) gibt am 19.07.2017 in Berlin ein Interview.Foto: Daniel Naupold/dpa

Heiko Maas: Aufstehen statt wegducken – Eine Strategie gegen Rechts (Piper Verlag)

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) ist vielleicht das von der AfD meistgehasste Kabinettsmitglied. Das hat er selbst erkannt und nutzt es als Werbung in eigener Sache, nach dem Motto: Von denen gerne. In seinem Buch arbeitet er deshalb Themen wie Fake News, Kultur, Terror, Europa, Gleicheitsrechte, Flüchtlinge, Globalisierung ab und legt jeweils die Ansichten der AfD wie eine Schablone darüber, um die Partei „zu entlarven“. Er plädiert für Vielfalt, Offenheit gegenüber fremden Kulturen und eine bessere Debattenkultur und gibt sogar zehn Ratschläge, wie jeder Bürger gegen Rechts kämpfen kann. So viel Zeigefinger könnte selbst dem geneigteren Leser etwas zu viel werden. Maas will beweisen, dass er das Herz am rechten Fleck hat, und ein Minister, der seine Standpunkte schwarz auf weiß festlegt, ist besser als ein Wendehals. Mutig ist das Buch aber nicht. Es bleibt das Gefühl, nichts wirklich Neues gelernt zu haben. Konkret wird es nie. Er erwähnt zum Beispiel das „notwendige“ Einwanderungsgesetz, erklärt aber nicht, warum es notwendig ist. Was Maas aber darlegt, ist sein Selbstverständnis als Justizminister: Dass er sich häufig öffentlich einmische, begründet er mit seinem „politischen Instinkt“, seiner Fähigkeit, konstruktive Debatten in Gang zu setzen. Er wolle politisieren. Ob ihm das mit diesem Buch glückt?

Das Buch als Tweet: Die #Zivilgesellschaft darf der @AfD-Bund nicht das Feld überlassen! #NoHateSpeech #Grundgesetz #Vielfalt #Europa

Bester Satz: „Meine Großmutter hat ihr Leben lang im gleichen Ort, in der gleichen Straße, im gleichen Haus gewohnt – aber durch das politische Hin und Her des Saarlandes hatte sie fünf verschiedene Pässe.“

Nicht zu verwechseln mit: Leichter Aufstehen – 20 Insidertipps für Morgenmuffel

Wen das interessiert, der könnte auch lesen: Melanie Amann: Angst für Deutschland – Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert (Droemer)

(Rezension: Ronja Ringelstein)

Carsten Linnemann (CDU), Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU. Foto: Jan Woitas/dpa
Carsten Linnemann (CDU), Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU.Foto: Jan Woitas/dpa

Carsten Linnemann: Die machen eh, was sie wollen: Wut, Frust, Unbehagen – Politik muss besser werden (Herder)

Auf ungewöhnliche, zeitweise erfrischende Weise nähert sich der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, Carsten Linnemann, seiner programmatischen Schrift: Er beginnt bei den Menschen, den Wählern. Und die lässt er zu Wort kommen, über einen Großteil des Buches hinweg. Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wie er an deutschen Küchentischen Platz nimmt. Irgendwann hat man dann aber auch genug gehört von Monika M. und Wolfgang T. Weiter geht es mit seitenlangen trockenen Ausführungen über die Potenziale der Marktwirtschaft (Linnemann ist studierter Volkswirt) und über die Krisen der Welt: der Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrise und der Vertrauenskrise in die Politik. Seine Bilanz ist eine der Angst: Angst haben die Deutschen vor Gewalt, vor der Wirtschaftskrise, der Digitalisierung, der Rente und den Flüchtlingen. Gegen diese Angst müsse etwas getan werden. Die Potenziale der sozialen Marktwirtschaft müssen ausgeschöpft werden, mehr Sicherheit und Ordnung muss her. Keine dieser Positionen überrascht, erstaunlich ist jedoch die selbstkritische Haltung. Linnemann räumt ein: Auch die Politik sei schuldig an der Wut der Bürger. „Politik muss besser werden“, fordert er. Ob das bei so viel Angst möglich ist, bleibt fraglich.

Das Buch als Tweet: 166 Seiten German #Angst u Analysen #Krise

Bester Satz: „Wer wie das Kaninchen auf die Schlange starrt, sieht nicht mehr, was sich sonst noch um ihn herum tut.“

Nicht zu verwechseln mit: Bill Burnett und Dave Evans: Mach, was Du willst: Design Thinking fürs Leben

Wen das interessiert, der könnte auch lesen: Wolfgang Bosbach „Endspurt: Wie Politik tatsächlich ist – und wie sie sein sollte. Begegnungen, Erlebnisse, Erfahrungen.“

(Rezension: Antonia Zimmermann)

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