Der Tagesspiegel : Politische Predigt

Beim Freitagsgebet an der Technischen Universität wird das Verbot der islamistischen Partei Hizb ut-Tahrir kritisiert

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Gestern Mittag vor dem Turnsaal der Technischen Universität. „Der Prediger hat gesagt, so etwas sollte in einem demokratischen Land nicht sein: Eine Partei zu verbieten, ohne zu diskutieren.“ Zusammen mit etwa 200 meist jungen Männern strömt ein jordanischer Student der Biotechnologie aus dem traditionellen Freitagsgebet. Das Verbot der islamistischen Partei Hizb utTahrir sei nicht nur unter den muslimischen Studenten Gesprächsthema, sagt der 28-Jährige, sondern auch in der Predigt des Vorbeters.

Am vergangenen Mittwoch hatte TU-Präsident Kurt Kutzler die Maßnahmen von Innenminister Otto Schily gegen Hizb ut-Tahrir zum Anlass genommen, einer islamischen Hochschulgruppe die Zulassung zu entziehen. Bei einer Veranstaltung der Gruppe gegen den Irak-Krieg in der Alten TU-Mensa waren im Oktober antisemitische und antiamerikanische Parolen zu hören – in Anwesenheit Horst Mahlers und anderer NPD-Vertreter. „Es gab keinen Antisemitismus und Antiamerikanismus“, sagt dagegen ein algerischer Gläubiger. Er habe die Veranstaltung besucht, weil sie sich gegen den Irak-Krieg richtete. Die deutschen Medien hätten die Sache aufgebauscht. Auch dieser ehemalige Student, der jetzt ein Restaurant betreibt, kritisiert das Verbot von Hizb ut-Tahrir: „In einem demokratischen Staat darf keine Partei verboten werden.“ Zum Freitagsgebet an der TU gehe er regelmäßig, „weil hier hochintelligente Leute, Pazifisten, beten, die nichts mit Terrorismus zu tun haben“, sagt der etwa 35-Jährige.

Doch nicht alle Besucher des Gebetsraumes geben sich so friedliebend. Ein ehemaliger Student der Luft- und Raumfahrttechnik bekennt sich zu den Zielen der verbotenen islamistischen Partei. „Die Partei will, dass alle Muslime eine Nation werden und die Welt regieren“, sagt der 40-jährige Exilpalästinenser. Die Frage sei allerdings, „ob dies durch gewalttätige Aktionen oder durch Überzeugung erreicht wird“. Wie er selbst zur Gewalt steht, will er nicht sagen: „Die Antwort behalte ich mir vor.“ Den offenen Antisemitismus von Hizb ut-Tahrir nennt er eine „politische Sache“. Für jeden Moslem gelte „Israel als Fremdkörper in der Region“. Das habe aber nichts mit Judenhass zu tun.

Die Leitung der Technischen Universität reagierte gestern alarmiert auf die Nachricht, dass der Vorbeter das Parteien-Verbot kritisiert haben soll. TU-Sprecherin Stefanie Terp: „Falls diese religiöse Veranstaltung für politische Zwecke missbraucht wird, entziehen wir dieser Gruppe die Räume.“ Dies sei dem Vorbeter in letzter Zeit in mehreren Gesprächen „ganz deutlich gesagt“ worden. Ein Vertreter der Universitätsleitung werde nun erneut mit dem Geistlichen sprechen. Kritik am Verbot, so Terp, „kann aber geäußert werden – nur keine Propaganda oder Hetze.“

Die Studenten vor dem Gebetssaal verstehen nicht, warum politische Inhalte in einer Predigt problematisch sein könnten. „Islamische Predigten sollen politisch sein“, sagt ein türkischer Informatikstudent. Der Islam sei nun einmal eine politische Religion. Der Student wurde in Berlin geboren und hat in der Türkei Abitur gemacht und kam zum Studium zurück nach Berlin. „In der Türkei sind politische Inhalte in Predigten leider verboten“, sagt er. Viele türkische Studenten kommen zum Gebet an der TU, obwohl sie kein Arabisch verstehen. Für ihn sei es „praktisch“ zwischen den Seminaren kurz beten zu gehen, sagt der Informatikstudent.

„Ich komme, um meine Pflicht vor Gott zu tun und um mich selbst zu beruhigen“, erklärt ein junger Ägypter. Was beunruhigt ihn? „Dass alle Moslems auf der Welt jetzt zum Buhmann gemacht werden“, sagt der Maschinenbau-Student. „Wir müssen jetzt Zusammenhalt demonstrieren.“ -ry / suz

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