Politkunst : "Yes Men": Das Spiel mit der Realität

Die "Yes Men" imitieren Rhetorik und Gebärden großer Wirtschaftsunternehmen und entlarven damit die absurde Logik des Kapitalismus. Seit rund zehn Jahren kratzen die Politkunst-Aktivisten schon an Realität und Wahrnehmung. Auf der Berlinale haben die beiden nun ihren Dokumentafilm "The Yes Men Fix The World" vorgestellt. Im Tagesspiegel-Gespräch erzählen die "Yes Men" über ihren Werdegang und ihre Ziele.

Julian Mieth

BerlinMitte November 2008 verkündete die altehrwürdige New York Times in einer Sonderausgabe eine große Überraschung. Gleich auf der ersten Seite prangte in fetten Lettern: IRAQ WAR ENDS – der Irak-Krieg ist vorbei. An jenem Novembermorgen schienen überhaupt nur erfreuliche Nachrichten den Weg ins Blatt gefunden zu haben: Abzug sämtlicher US-Truppen aus Irak und Afghanistan, gerechte Steuerreform und George W. Bush wegen Hochverrat vor Gericht. Dass es sich dabei um lauter Falschmeldungen handelte, erfuhren die fassungslosen Leser durch eine kleine Randnotiz – "Alle Neuigkeiten, die wir zu drucken hoffen" –, sowie durch das Datum der Ausgabe: 4. Juli 2009, der amerikanische Unabhängigkeitstag.

Identitätskorrektur als Politkunst-Aktion

Hinter dem von der internationalen Presse viel beachteten Mediencoup steckt das Aktionskunst-Duo "Yes Men". Rund 1,2 Millionen Exemplare der gefälschten New York Times wurden auf ihr Geheiß von Freiwilligen verteilt. Finanziert hat sich das Projekt überwiegend aus privaten Spenden, auf der Internetseite der "Yes Men" gibt es gar eine Spendenmöglichkeit; angeblichen soll die Aktion weniger als 100.000 Dollar gekostet haben. Zwar arbeiten sie wie im Fall der falschen Times auch mit anderen Organisationen (zum Beispiel democracynow.org) zusammen, bevorzugen allerdings meist den unabhängigen Alleingang – auch finanziell.

Die "Yes Men" sind Mike Bonanno und Andy Bichlbaum, ihre Spezialität ist "Identitätskorrektur". Aber natürlich sind die Namen ebenso nur Pseudonyme für Igor Vamos, 41, und Jacques Servin, 46. Die beiden US-Amerikaner legen sich fremde Identitäten zu, um in die Schaltzentralen von Wirtschaft und Politik vorzudringen.

Bevor sich Mike Bonanno und Andy Bichlbaum kennen lernten, hatten beide schon mit dem Politkunst-Kollektiv ®™ark (sprich: "artmark") zusammen gearbeitet und mit ihren subtil-humoristischen Aktionen an unserer Realitätswahrnehmung gekratzt. Bonanno etwa gründete die "Barbie Liberation Organization", tauschte bei 200 Barbie- und G.I. Joe-Puppen die Sprachprozessoren aus und platzierte das präparierte Kinderspielzeug wieder in den Verkaufsregalen. Barbie knurrte fortan, dass ein Toter keine Geschichten mehr erzähle. Und G.I. Joe schwärmte davon, wie gerne er einkaufen gehen wolle. Andy Bichlbaum, damals Angestellter beim PC-Spielehersteller Maxis, sorgte in einer ähnlich subversiven Aktion dafür, dass sich die Personen im Computerspiel SimCopter zu bestimmten Zeiten in schwule Bodybuilder verwandelten. Dass er damit auf sexuelle Diskriminierung in Computerspielen aufmerksam machte, verstanden seine Arbeitgeber nicht; sie entließen ihn.

Im Namen der WTO: Handel mit Wählerstimmen

Kennen gelernt haben sich die späteren "Yes Men" jedoch erst auf Initiative gemeinsamer Freunde, die glaubten, dass eine Begegnung sehr fruchtbar sein könnte. Gut gedacht, wie sich herausstellte. Zusammen kopierten sie die Internetseite der Welthandelsgesellschaft (WTO) und stellten diese unter dem alten Namen der WTO – GATT – ins Internet. Schon bald bekamen sie Post und wurden auf diverse Kongresse eingeladen, wo sie als vermeintliche WTO-Vertreter mal die Auflösung der Organisation verkündeten, mal völlig überzogene Forderungen stellten – zum Beispiel die Abschaffung der Siesta in Spanien aus ökonomischen Gründen. Oder sie präsentierten irrsinnige Konzepte wie den Handel mit Wählerstimmen – von den anwesenden Vertretern aus Wirtschaft und Politik ernteten sie begeisterten Beifall.

Falscher Firmensprecher kündigt Wiedergutmachungen an – 2 Milliarden Dollar Verlust

Mit ihrer "Identity Correction“ beherrschen die "Yes Men“ die Anpassung in Perfektion; dabei imitieren die Ja-Sager Rhetorik sowie Gestik übereifrig und entlarven die Logik von Politik und Ökonomie. So bauten Bonanno und Bichlbaum im US-Wahlkampf 2000 die Website des damaligen Präsidentschaftskandidaten George W. Bush nach, der darauf kommentierte, dass "Freiheit Grenzen haben sollte“.

Ende 2004 gaben sich Bonanno und Bichlbaum als Vertreter des globalen Chemie-Unternehmens Dow Chemical aus und wurden ins TV-Programm der BBC zu einem Kommentar eingeladen. Anstatt jedoch wie vereinbart über eine Markteinschätzung zu reden, kündigten sie Wiedergutmachungen in Milliardenhöhe für die Opfer der Bhopal-Katastrophe in Indien an. Hier kam es 1984 aufgrund fahrlässiger Sparmaßnahmen in einem Dow-Chemiewerk zu einem Gasaustritt, der etwa 3500 Menschen das Leben kostete sowie Hunderttausende schwer verletzte. Zweifel an der Echtheit der Aussagen kamen auch hier nicht auf. Unmittelbar nach der Aktion rutschen die Dow-Chemical-Aktien in den Keller; das Unternehmen büßte etwa zwei Milliarden Dollar ein. Dass sie damit teilweise in ungeklärten Rechtsräumen agieren, ist den "Yes Men" durchaus bewusst. Zu Klagen ist es jedoch nie gekommen. Nach der Falschmeldung im BBC-Programm schaltete sich zwar die US-Aufsichtsbehörde ein. Als sich jedoch herausstellte, dass es sich nicht um böswillige Börsen-Spekulation handelte, wurden die Ermittlungen eingestellt.

Brennstoff und Kerzen aus Menschenfleisch

In der Regel werden die "Yes Men" nicht enttarnt, obwohl mittlerweile Warnungen seitens der WTO und der betroffenen Unternehmen vor den gefälschten Web-Auftritten kursieren. Auf der GO-EXPO 2007, Kanadas größter Erdölkonferenz, gaben sich Bonanno und Bichlbaum als Sprecher des Öl-Riesens ExxonMobil und des National Petroleum Councils aus. Vor 300 Vertretern der Ölwirtschaft präsentierten sie eine Lösung des Rohstoffproblems: Die Opfer des Klimawandels sollten zu einem fossilen Brennstoff namens Vivoleum verwertet werden, um so den globalen Rohstoff-Bedarf zu decken. Das Publikum hörte aufmerksam zu. Erst als der angebliche ExxonMobil-Vertreter Kerzen austeilen ließ und anschließend verkündete, dass es sich hierbei um Produkte aus den sterblichen Überresten eines ExxonMobil-Hausmeisters handele, rührten sich Bedenken.

Mike Bonanno und Andy Bichlbaum haben als Igor Vamos und Jacques Servin durchaus auch ein normales Privatleben. Zwar versuchen die beiden Mittvierziger dieses nach Möglichkeit "Yes Men"-frei und umgekehrt zu halten. So ganz funktioniert das allerdings nicht. Als Assistenzprofessor für Video-Kunst am renommierten Rensselaer Polytechnic Institute in New York bringt Igor Vamos, alias Bonanno, seinen Studenten vor allem die kritische Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt bei. Servin, alias Bichlbaum, Lehrer für Digital Design, fasst ihren beruflichen Alltag treffend zusammen: "Eigentlich unterrichten wir 'trouble-making'."

Spiel mit Realität und Wahrnehmung: Umdenken in der Gesellschaft

Als "Yes Men" verkünden sie in ihren Aktionen keine Problemlösungen oder alternativen Konzepte – zumindest nicht offensichtlich. Vielmehr offenbaren sie die Absurdität polit-ökonomischen Kalküls. Im Fall der falschen New York Times haben sie erstmals deutlich mögliche Szenarien für eine bessere Welt vorgelegt. Dass sie das Erscheinungsdatum der Ausgabe auf den US-amerikanischen Unabhängigkeitstag vorverlegt haben, zeigt indes, dass sie in ihrem Spiel mit Realität und Wahrnehmung durchaus idealistisch vorgehen. Ändern können sie selbst wenig, aber darum geht es eben auch nicht. Sondern darum, ein Umdenken in den Köpfen der Menschen zu erreichen.