Der Tagesspiegel : Polizei fahndet nach eigenen Daten

Rund 15 000 Vorgänge wurden falsch eingegeben und müssen nun im System wiedergefunden werden

Peter Tiede

Potsdam -Das brandenburgische Innenministerium hat gegenwärtig keinen genauen Überblick über die Kriminalitätslage im Land – und wird ihn vor Jahresende auch nicht erlangen. Das Ministerium bestätigte gestern, dass im polizeiinternen Computersystem „Comvor“, in das alle Vorgänge eingespeist werden, Daten „derzeit nicht abrufbar“ sind. Laut Ministeriumssprecher Geert Piorkowski handelt es sich um 15 000 Datensätze aus dem laufenden Jahr. Diese seien zwar nicht unrettbar verschwunden, aber eben nicht verfügbar. Seit Ende März arbeite eine Arbeitgruppe daran, die Daten, die von Polizisten in den Dienststellen des Landes falsch eingetippt worden seien, zu finden und wieder verfügbar zu machen. Mit einer Lösung des Problems sei nicht vor Anfang 2009 zu rechnen.

Zwar habe das Datenloch auf die normale Polizeiarbeit keine Auswirkungen. Doch das Ministerium sei derzeit nicht in der Lage, aussagekräftige Statistiken über die Zahl bearbeiteter Kriminalitätsfälle oder Ordnungswidrigkeiten zu erstellen. So müsse auch die übliche Halbjahresbilanz zur sogenannten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) im Land in diesem Jahr ausfallen.

Angesichts des Mangels an brauchbaren Daten hatten die Polizeipräsidenten in Potsdam und Frankfurt (Oder) Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) nach Tagesspiegel-Informationen davor gewarnt, öffentlich Zahlen über die Entwicklung der Kriminalität an der Grenze zu Polen seit dem Wegfall der Grenzkontrollen am 21. Dezember 2007 zu nennen. Dies sei seriös nicht möglich. In der vergangenen Woche war Schönbohm trotzdem mit Journalisten an die Grenze gereist und hatte verkündet, dass zwar die Zahl der Autodiebstähle im Vergleich zum Vorjahr zu-, die Kriminalität insgesamt aber abgenommen habe. „Dabei hat sich der Minister auf verlässliche Zahlen gestützt“, sagte Ministeriumssprecher Piorkowski. Bei den von Schönbohm vorgelegten Zahlen habe es sich um die sogenannte Eingangsstatistik gehandelt. Das sind die bei der Polizei neu registrierten Delikte. Das Datenloch beziehe sich aber auf die abschließend bearbeiteten Vorgänge. Polizeiintern hieß es dazu gestern, die von Schönbohm verwendete Eingangsstatistik sei die am wenigsten aussagekräftige. Ministeriumssprecher Piorkowski trat dem entgegen: In der Ausgangsstatistik seien auch Fälle aus dem Vorjahr enthalten, die erst in diesem Jahr abgeschlossen wurden. „Das hätte doch nichts über die Entwicklung der Kriminalität nach dem Wegfall der Grenzkontrollen ausgesagt.“

Als Grund für das Datenloch nannte das Ministerium „menschliche Fehler“ in der Einführungsphase des neuen „Computergestützten Vorgangsbearbeitungssystems“ (Comvor): Die Beamten in den Wachen haben Daten einfach falsch eingegeben. Brandenburg arbeitet seit Jahresbeginn mit dem neuen System. Durften in das alte Computersystem nur 300 gesondert geschulte Beamte Falldaten eingeben, um die Qualität zu sichern, tippt nun jeder Schutzpolizist seine Fälle selbst ein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar