Der Tagesspiegel : Polizeirevier mit 200 PS

Die Funkstreife der Zukunft hat Internet-Anschluss und eingebaute Kameras. In Brandenburg ist sie schon im Einsatz. Eine Testfahrt

Andreas Wilhelm

Frankfurt (Oder) - In Hollywood-Filmen ist das schon manchmal zu sehen: Ein Verkehrssünder wird angehalten, der sonnenbebrillte Beamte tippt ein paar Buchstaben in seinen Bordcomputer – schon hat er einen gesuchten Verbrecher identifiziert. Die Brandenburger Polizei ist noch nicht ganz soweit. Aber immerhin sind seit Anfang März in Ostbrandenburg „interaktive Funkstreifenwagen“ unterwegs: Zehn 75 000 Euro teure BMW- und Mercedes-Wagen mit einem Hochleistungsrechner im Kofferraum. Ein Jahr lang sollen sie in der Praxis getestet werden.

Ein Nachmittag auf der Autobahn A 11 zwischen Berlin und der Uckermark. Die Polizisten Manfred Baatz und René Wolter sitzen in ihrem Wagen auf einem Parkplatz und beobachten die vorbeidonnernden Lastwagen – bereit zur Verfolgung, wenn ihnen etwas faul vorkommt. Gerade osteuropäische Lkw haben schließlich häufig schwere Mängel. Vor sich im Motorraum haben Baatz und Wolter circa 200 Pferdestärken, hinter sich in der Reserverad-Mulde unter dem Kofferraum einen Hochleistungsrechner, der die Polizeiarbeit deutliche vereinfachen soll.

Dann die Funkmeldung für Wagen 2635 – das ist der von Baatz und Wolter: Ein Unfall am Kreuz Uckermark, Kilometer 326. Baatz startet den Wagen. Eigentlich sollten die Einsatzbefehle auf dem Monitor aufleuchten, der in der Mittelkonsole eingebaut ist. Nicht mehr über Funk, sondern schriftlich über das Intranet der Brandenburger Polizei sollen die Einsatzdaten übermittelt werden. Wolter wundert sich, dass der Kollege in der Leitstelle in Frankfurt (Oder) trotzdem die gewohnte Variante wählte. Vielleicht war der dortige Rechner überlastet?

Wolter und Baatz könnten sich jetzt vom Navigationssystem an ihren Einsatzort leiten lassen. Aber das Kreuz Uckermark finden sie auch so. Wolter führt vor, was der Wagen sonst noch so kann. Per Fingertipp auf den Bildschirm klickt er sich vom Beifahrersitz aus durch die verschiedenen Funktionen. Navigationssystem; Kameras hinten und vorne, die Einsätze auf Video aufzeichnen können und später einmal, wenn das Netz seine volle Kapazität erreicht hat, auch Live-Bilder in die Zentrale senden sollen; dazu verschiedene Steuerelemente am Wagen – und schließlich lässt sich auch das Bordtelefon über den Bildschirm bedienen, falls der Wagen in der weiten Mark gerade mal im Polizeifunkloch steckt.

Die Autobahnpolizisten sind am Ort des Geschehens angekommen. Ein junger Mann ist dem Wagen einer Uckermärkerin hinten draufgefahren. Sie musste bremsen, und er war vermutlich zu schnell. Polizeiobermeister Wolter hat einen Laptop von dort hervorgezogen, wo gewöhnliche Autos das Handschuhfach haben, und trägt die Personaldaten und Aussagen der Beteiligten in die nötigen Formulare ein – die er sich aus dem Intranet heruntergeladen hat.

Auch deshalb gibt es die Testphase: Vor zwei Wochen nämlich hat das mit den Formularen noch nicht richtig funktioniert. Die Verbindung zum polizeiinternen Netz war nicht korrekt eingerichtet. „Und zu guter Letzt ist dann auch noch die Festplatte durchgebrannt“, erzählt Wolter. Der Wagen wurde für anderthalb Wochen nach Frankfurt (Oder) gebracht und dort repariert.

Jetzt aber können Wolter und Baatz auch gleich alles ausdrucken. Der Multifunktions-Drucker mit Scanner und Kopierer ist hinter dem Rücksitz versteckt. Binnen weniger Minuten hat jeder sein Protokoll in der Hand. „Das ist es, was wirklich Zeit spart“, sagt Wolter: „Wir können jetzt die ganze Schreibarbeit schon unterwegs machen. Ansonsten müsste man erst zur Wache fahren und sich noch hinter den Bürotisch klemmen.“ Falls sie mit dem Papierkram dennoch nicht fertig werden, finden sie ihre bearbeiteten Formulare abends in der Wache schon gleich im Rechner. Während der Fahrt allerdings muss der Laptop im Fach bleiben. Sonst könnte bei einem Unfall der Airbag das Gerät dem Beifahrer ins Gesicht hauen.

Das Pilotprojekt soll vor allem eines: Klarstellen, woran es noch hapert, wie Geert Piorkowski vom Innenministerium in Potsdam betont. Ob sich die Interaktiv- Streifen bewähren, ob sie für andere Bundesländer interessant sein könnten, werde sich in dem einjährigen Versuch herausstellen. So lange soll die Projektgruppe Kinderkrankheiten analysieren.

In dieser Zeit sind auch noch einige Verbesserungen möglich. Beispielsweise fehlt eine Schnittstelle am Bord-Computer, damit die Beamten die digitalen Fahrtenschreiber der Lkw-Fahrer für Lenk- und Ruhezeiten analysieren können. Gerade für die Autobahnpolizisten wäre das eine erhebliche Erleichterung. Dafür müsste aber ein extra Laptop eingepackt werden. Ebenfalls noch nicht funktionstüchtig ist das geplante EC-Karten-System, mit dem Bußgelder künftig gleich an Ort und Stelle bezahlt werden können.

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