Porträt : Der Hassprediger vom Balkan

Er gilt als der "Chefpropagandist von Großserbien" und hofft, mit seiner brachialen Rhetorik nun auch die Richter am UN-Kriegsverbrechertribunal zu beeindrucken. Seit heute steht der serbische Ultranationalist Vojislav Seselj in Den Haag vor Gericht.

Aleksandra Niksic[AFP]
Vojislav Seselj
Vojislav Seselj. -Foto: AFP

BelgradMorgen soll Seselj vor Gericht das erste Mal das Wort ergreifen. Zu erwarten sind von dem 53-Jährigen Sprüche der übelsten Art. So bemerkte er einmal bei einer Anhörung beim Eintritt eines deutschen Richters, es rieche nach Gas. Dem Tribunal selbst warf Seselj schon "satanische Riten" vor. Doch nicht wegen seiner verbalen Entgleisungen steht der Serbenführer vor Gericht: Ihm werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Mord und Folter vorgeworfen.

Seselj will sich in Den Haag selbst verteidigen. Dieses Recht setzte der noch amtierende Chef der Serbischen Radikalen Partei (SRS) mit einem Hungerstreik durch. Entsprechend saß er zur Prozesseröffnung nicht auf der Anklagebank, sondern am Tisch der Verteidigung. Dort schrieb Seselj aufmerksam mit, was Anklägerin Christine Dahl vortrug: Der Angeklagte habe mit seiner Rhetorik von der "Befreiung Serbiens" zu "ethnischen Säuberungen" aufgerufen. Als "Chefpropagandist von Groß-Serbien" habe Seselj Gewalt gegen alle Nicht-Serben gepredigt und mit seinen Hassreden den Balkan in Brand gesetzt.

Enger Vertrauter von Milosevic

Doch diese Vorwürfe lassen Seselj kalt, mehr noch: Was auch immer Dahl gegen ihn anführte, der Angeklagte saß meist lächelnd da, oft grinste er sogar breit. Dass es ihm nicht an Selbstbewusstsein mangelt, hatte er bereits vor viereinhalb Jahren bewiesen. Während andere vor dem UN-Tribunal angeklagte serbische Politiker in den Untergrund abtauchten, um sich der Justiz zu entziehen, stellte sich Seselj selbst und zog so hoch erhobenen Hauptes nach Den Haag. Einer seiner Zellennachbarn war Slobodan Milosevic, der im vergangenen Jahr im Gefängnis gestorbene frühere jugoslawische Präsident. Für ihn war Seselj zunächst der "liebste Konkurrent", später enger Vertrauter. Bis zum Sturz Milosevics im Oktober 2000 war Seselj Vize-Regierungschef.

Eine solche Karriere war eigentlich für Seselj nicht vorgezeichnet: 1954 in Sarajevo geboren, unterrichtete Seselj zunächst sein Studienfach Soziologie. Erst in den späten 80er Jahren startete er eine politische Karriere. Während der kommunistischen Herrschaft des Gründers der Volksrepublik Jugoslawien, Josip Broz Tito, saß Seselj wegen seiner nationalistischen Gesinnung im Gefängnis. Aber auch unter Milosevics Herrschaft musste er wegen verbaler und körperlicher Entgleisungen gegen politische Gegner hinter Gitter. Nach dem Ende des Kalten Krieges gründete er 1990 die Radikale Partei, bei der er auch heute noch aus dem Gefängnis heraus die Strippen zieht.

Anklage: Kriegsverbrechen im Bosnien-Krieg

Einen Namen machte sich Seselj als Anführer einer ultranationalistischen serbischen Miliz, die seit 1991 an der Seite serbischer Rebellen gegen Kroaten und Bosnier kämpfte. Als Verfechter eines "Großserbiens" wollte er große Teile Bosniens und Kroatiens einverleiben sowie Teile Montenegros und Mazedoniens. Während des Bosnien-Krieges 1992-1995 beging Seselj der Haager Anklageschrift zufolge zahlreiche Kriegsverbrechen. Das UN-Tribunal wirft ihm unter anderem "Verfolgung, Vernichtung, Mord, Folter, Zwangsumsiedlungen und unmenschliche Akte" gegen die nicht-serbische Bevölkerung in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und der Vojvodina vor. Den Kosovo-Konflikt wollte er binnen fünf Tagen "lösen", indem er alle Albaner ohne gültige Papiere ausweisen wollte.

Noch heute hat Seselj viele Anhänger, vor allem in den unteren Schichten. Plakate mit seinem Konterfei sind überall in Serbien zu sehen. Für seine Anhänger ist der Nationalist ein Märtyrer und Held zugleich, dessen letzte öffentliche Bitte sie ihm bis heute erfüllen: Als er sich dem UN-Kriegsverbrechertribunal stellte, rief Seselj seine Anhänger dazu auf, sich einer Festnahme der beiden wichtigsten Männer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic und Ratko Mladic, mit aller Macht zu widersetzen. Beide sind trotz aller Anstrengungen des Haager Tribunals noch immer auf der Flucht.