Der Tagesspiegel : Potsdam könnte "schönste Stadt Deutschlands" werden

THORSTEN METZNER

POTSDAM . Ein neuer Anlauf für eine Länderfusion von Berlin und Brandenburg sollte nach der Jahrtausendwende nicht auf die lange Bank geschoben werden. Dafür haben sich Brandenburgs SPD-Wirtschaftsminister Burkhard Dreher und CDU-Landeschef Jörg Schönbohm auf einer hochkarätig besetzten Tagung zur Potsdamer Stadtentwicklung ausgesprochen, die am Mittwoch mit 400 Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft und Kultur in der brandenburgischen Hauptstadt stattfand. Veranstalter waren die Potsdamer Neuesten Nachrichten in Kooperation mit dem Tagesspiegel.

Beide Politiker betonten, daß auch die Preußenresidenz - als designierte Hauptstadt eines gemeinsamen Landes - von einer Länderehe profitieren würde. Das "Potsdam-Forum" verabschiedete einen Forderungskatalog an Stadt- und Landespolitik, welche Defizite der Entwicklung der Preußenresidenz kurzfristig beseitigt werden sollen.

Einige Empfehlungen: Potsdams vernachlässigte Stadteingänge, die brachliegende Mitte am Alten Markt und das Verkehrschaos sollten angepackt und die Sanierung der Potsdamer Altstadt forciert werden. "Die Fusion ist die wichtigste strukturpolitische Aufgabe der nächsten Jahre", sagte Dreher. Voraussetzung sei die Konsolidierung des Berliner Schuldenberges. Potsdam selbst ist vor allem als aufstrebender Medienstandort, der mit der Babelsberger Filmstadt laut Dreher in einigen Jahren bereits 10 000 Beschäftigte (heute 3000) zählen könnte, unmittelbar von den Nachteilen der Ländergrenze betroffen: Durch die "kleinstaaterische Konkurrenz" von Berlin und Brandenburg sei viel "Sand im Getriebe", sagte Studiogeschäftsführer Carl-Friedrich Wachs. Dies erweise sich gegenüber der mächtigen Konkurrenz von Köln, Hamburg und München als Standortnachteil. Wachs forderte eine länderübergreifende Medienpolitik, einen gemeinsamen "Generalakquisiteur".

Potsdams Oberbürgermeister Matthias Platzeck beschrieb in einer Grundsatzrede zur Stadtentwicklung im neuen Jahrtausend die einmaligen Chancen der Havelresidenz, aus der man die "schönste Stadt Deutschlands" machen könne. Dies sei ein Standortfaktor für die "Ansiedlung von Denkfabriken". Potsdam müsse sich besser "als Stadt am Wasser inszenieren". Zugleich betonte Platzeck, daß auch innere Gräben in Potsdam überwunden werden müssen. Angesichts des ostdeutschlandweit einmaligen dramatischen Bevölkerungswandels - infolge des Wegzugs von Tausenden Potsdamern ins Umland und des Zuzugs von Tausenden Neu-Potsdamern in die Stadt - warnte Platzeck, daß zwischen den Villen-Vorstädten und den DDR-Plattenbausiedlungen "unsichtbare Mauern" hochgezogen würden.

Die behutsame Entwicklung der einmalig komponierten Potsdamer Kulturlandschaft, die nicht an der Stadtgrenze ende, erfordere auch ein enges Zusammenwirken mit den Umland-Gemeinden. Dagegen warnten Schönbohm, aber auch Dietrich-Wilhelm Gemmel, Geschäftsführer der in Potsdam ansässigen E-Plus-Service GmbH, bei allen Visionen die Potsdamer Wirklichkeit nicht aus den Augen zu verlieren: etwa die Verödung der Innenstadt, der Verkehrskollaps und Defizite im Bildungswesen. Angesichts der oft beschworenen Debattierlust und langsam mahlenden Behördenmühlen mahnte Gemmel ein straffes Programm zur Entwicklung der Stadt an: "Wer macht wann was bis wann in Potsdam?" In vier Workshops entwickelten Experten Empfehlungen, wie Potsdam als Stadt der Wissenschaften, als Medienstandort, als Dienstleistungszentrum und Stadt der Architektur vorangebracht werden könne. Sie brauche etwa einen "City-Manager" für die barocke Innenstadt. Im Grundkonflikt um die Entwicklung einer modernen Stadt in einer Unesco-geschützten Parklandschaft sprach sich Baustaatssekretär Horst Gräf für potsdamgemäße Baumassen aus. Mittelfristig sollte Potsdam laut Gräf den Mut haben, die schlimmsten DDR-Bausünden, die die Sichtachsen von Sanssouci stören, zurückzubauen. Baustadtrat Michael Stojan versicherte, daß bis zur Bundesgartenschau 2001 die vernachlässigten Stadteingänge angepackt werden. Kontroverse Auffassungen gab es zur Rolle der Denkmalpflege. Die Forderung des Architekten Olaf Gibbins, den Personalbestand des Denkmalamtes zu verdreifachen, konterte Prof. Ulli Zech, Leiter der Projektgruppe für die Stadtentwicklung Dresdens, mit der provokanten These, statt dessen die Zügel der Denkmalpflege zu lockern.

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