Der Tagesspiegel : Potsdamer Einstein-Gymnasium: Die Dauerschüler

Stefan Jacobs

Herr Weiß ist immer noch nicht da. Dabei ist schon fast Mitternacht, dann soll sein Unterricht beginnen. Die Schüler auf dem Flur schauen in den dunklen Schulhof. Im Klassenzimmer hinter ihnen endet gerade die Stunde zur Relativitätstheorie. Anschließend soll Herr Weiß in die Meditation einführen; die Plätze für seinen Kurs mussten wegen der großen Nachfrage verlost werden. Wenn Herr Weiß nicht kommt, gefährdet er den Rekordversuch.

122 Doppelstunden Dauerunterricht wollen die Schüler des Potsdamer Einstein-Gymnasiums veranstalten. Nonstop von Montag früh bis Sonnabendmittag. Sie wollten zur Festwoche anlässlich des 10-jährigen Bestehens als Gymnasium etwas Besonderes auf die Beine stellen. Und weil Einstein jetzt 122 Jahre alt wäre, kamen sie auf die Idee mit dem Rekord. Ursprünglich wollten sie ins Guinnessbuch, aber die Redaktion winkte ab. Sie planten weiter, zumal sich nicht nur 400 interessierte Schüler fanden, sondern auch 35 von 51 Lehrern zusagten.

Da kommt er, Uwe Weiß, der Religionslehrer, mit einer Kerze und Musik, einem Buch mit Wüstenfotos und einem kleinen Gong. "Ich dachte mir, ich biete mal was an, was ich mich im Unterricht noch nie getraut habe. Obwohl Meditation so mitten aus den Religionen kommt", sagt er zu Stundenbeginn. Dann zündet er die Kerze an, stellt ein Wüstenfoto dahinter, knipst das Neonlicht aus, schlägt den Gong, schaltet die Musik ein, orientalische Lautenklänge. Einatmen, ausatmen. Abschalten. Alle machen mit, keiner blödelt herum. Eine Viertelstunde lang. Vor dem Fenster spult eine einsame Ampel ihr Programm ab, die nassen Straßen sind leer.

Auf dem Flur brütet Schulleiter Rainer Wertmann über einem Kreuzworträtsel. Seine Schicht dauert bis vier Uhr. Müde ist er nicht, sagt er. Früher, als Funker bei der Armee, hatte er öfter solche Arbeitszeiten. Jetzt, als Direktor, kümmert er sich um die Einhaltung amtlicher Vorschriften. "Das ging bis in die Rechtsabteilung des Ministeriums", sagt er. Formal gilt der Dauerunterricht als Klassenfahrt, wobei nachts nur Schüler kommen dürfen, die mindestens 16 Jahre alt sind. Der Direktor mag das Projekt: "Das schafft eine besondere Verbindung zwischen Schülern und Schule."

Im Klassenraum endet die Meditation. Es ist halb zwei, die letzte Reihe wird langsam unkonzentriert. Manche sind schon seit dem Nachmittag hier. Nun werden die Lider schwer, man plappert gegen die Müdigkeit an. Einen Raum weiter sitzt Guido Ehlert aus der 13. Klasse ausgeschlafen am Computer. Er gehört zu den sieben Organisatoren und versucht gerade, das Kamerabild unter www.dauerunterricht.de ins Internet zu stellen. Um ihn herum liegen Namenslisten und Tabellen zwischen Wasserflaschen, Plastikbechern, Gummibärchen und Handys. Zwölftklässler Henning Lindow bringt Butterbrote und schwarzen Tee. Vom Flur schallen die Schritte der Musiklehrerin, die von zwei Uhr an "Musik und Drogen - Musik als Droge" unterrichtet. Sie ist prächtig gelaunt: "Ich finde das witzig - seit 30 Jahren gehe ich in die Schule. Aber noch nie nachts um zwei!" Drei Tage habe sie in der Bibliothek verbracht, um Musikbeispiele zu finden. Auch ihr Kurs ist gefragt. Schwieriger war es, "Dadaismus in der Literatur" zu besetzen, der früh um 4 beginnt.

Die Schüler von Herrn Weiß verlassen gähnend den Raum. Nicole aus der 13. Klasse fand es "im Prinzip gut", aber hat "um diese Zeit irgendwie eine Denkblockade". Jetzt will sie nur noch ins Bett. Die erleuchteten Fensterbögen des Klassenzimmers werfen einen hellen Fleck auf die Straße. Die leise Musik aus dem Raum ist bis an die nächste Ecke zu hören, weil es in Potsdam so still ist um diese Zeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben