Der Tagesspiegel : Potsdamer Götterburg

Heute Abend eröffnet die Schauspielerin Nadja Uhl ihr Varieté Walhalla

Nana Heymann

Potsdam - Und dann lag da plötzlich dieser Nachttopf im Staub, im Keller des ehemaligen Varietés Walhalla. Was tun mit dem alten Ding aus Emaille? Die Jugendlichen, die mit der Sanierung des geschichtsträchtigen Gebäudes in der Potsdamer Innenstadt beschäftigt waren, wussten nicht so recht und gaben es sicherheitshalber Kay Bockhold. Der, Geschäftsführer des mit der Sanierung beauftragten Vereins „Maulwurf“, ließ den Nachttopf später in einen Waschtisch der Gästetoiletten einarbeiten.

Davon abgesehen – „sind wir bemüht, diesen Ort so herzurichten, wie er einmal war“, sagt Bockhold. Vier Jahre lang hat er das 1738 erbaute Haus mit etwa 40 Helfern rundum erneuert. Das Ergebnis ist nun zu sehen: Zusammen mit der Schauspielerin Nadja Uhl, seiner Lebensgefährtin, wird Bockhold das Varieté Walhalla heute offiziell eröffnen.

Mit seinem angeschlossenen Bar- und Hotelbereich soll sich das Walhalla – benannt nach der Burg der Germanengötter – als ein Ort der Kultur etablieren – und so an seine Geschichte anknüpfen. Diese reicht zurück bis ins Jahr 1910, als Hermann und Auguste Rosenberger in dem zweistöckigen Haus an der Dortustraße 5 ihr Varieté eröffneten, in dem bis in die 30er Jahre Stars wie Charlie Chaplin oder Trude Hesterberg zu Gast waren.

Große Künstler sollen auch künftig wieder kommen. Deshalb machte es sich Kay Bockhold zur Aufgabe, ihn möglichst originalgetreu wieder herzurichten. Als Glücksfall erwies sich dabei die Bekanntschaft mit Sigrid Richter, der Enkelin der Varieté-Begründer. Mit der 85-jährigen Frau kam Bockhold eines Tages zufällig ins Gespräch, als sie die Bauarbeiten beobachtete. Sie beschrieb ihm Details der Inneneinrichtung und erzählte ihm von den Auftritten der Stars.

An der Vergangenheit soll sich auch das Programm orientieren. Auf dem Plan stehen regelmäßige „Marlene-Abende“, bei denen Lieblingsgerichte von Marlene Dietrich serviert werden und ihre Lieder vorgetragen werden. Bei der Reihe „Gestatten – alte Platten“ werden auf einem Grammophon ausschließlich Schellack-Platten aufgelegt. Zudem will sich Nadja Uhl, die für das Programm des Varietés zuständig ist, um Auftritte von Schauspielerkollegen wie Esther Schweins, Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur oder Jasmin Tabatabei bemühen. Sie hofft auch auf Kooperationen mit anderen Potsdamer Kultureinrichtungen wie dem Hans-Otto-Theater. Die Arbeit als Varieté-Chefin wird auf jeden Fall eine Herausforderung sein: Das Projekt wird nicht mit großem Geld, sondern mit straffälligen Jugendlichen realisiert.

Um deren Reintegration nämlich bemüht sich Bockholds Verein Maulwurf: Gerichtlich auferlegte gemeinnützige Arbeiten leisteten die Jugendlichen mit der Sanierung des Walhalla ab, wodurch die Kosten mit 1,5 Millionen Euro vergleichsweise niedrig gehalten werden konnten. Auch künftig sollen die einstigen Straftäter einbezogen werden: Nadja Uhl will mit ihnen ein Theaterstück erarbeiten.

Mit einem großen Festprogramm auch auf der Dortustraße wird das Walhalla heute seinen Betrieb aufnehmen. Natürlich wird dazu auch Sigrid Richter, die Enkelin der ersten Betreiber, erwartet. Sie erzählte Bockhold und Uhl übrigens, dass gerade ein solcher wie der gefundene Nachttopf einst in jenem Zimmer stand, wo Opernstar Enrico Caruso logierte, als der im Potsdamer Varieté auftrat.

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