Der Tagesspiegel : Potsdamer Kaufkraft

Claus-Dieter Steyer

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Bis vor wenigen Wochen hätte sich überregional kaum jemand für die Eröffnung des KarstadtWarenhauses in Potsdam am Donnerstag interessiert. Nur die Bemerkung, dass damit auch die Brandenburger Landeshauptstadt nach neunjähriger Pause endlich wieder ein Kaufhaus besitzt, wäre in der Berichterstattung vielleicht hängen geblieben. Aber wenn sich der krisengeschüttelte Karstadt-Konzern die Potsdamer Filiale rund 50 Millionen Euro kosten lässt, dann ist das doch etwas Besonderes – zumal in den letzten Jahren Wirtschaftsexperten immer wieder das Ende des klassischen Kaufhauses beschworen.

Wie so oft reichen auch in diesem Fall keine Allgemeinplätze zur Erklärung. Vielmehr muss man auch die besondere Rolle Potsdams betrachten. Noch vor einem Jahrzehnt war die positive Entwicklung nicht abzusehen. Nicht nur äußerlich dominierte die graue Farbe. Die Stadtspitze rieb sich in unsäglichen Debatten über das Schicksal des Theaters, die Dimensionen des Einkaufszentrums im Hauptbahnhof oder den Neubau des Landtagsgebäudes auf. Personalquerelen und Parteienstreitereien ließen keine geordnete Planung zu. Das beste Beispiel für die Stagnation lieferte die Brandenburger Straße. Mit der Schließung des Kaufhauses nach einem Brand begann 1996 der Niedergang. Die Kunden wandten sich ab und fuhren in die Center am Stadtrand und im Bahnhof oder gleich nach Berlin.

Doch die Stadt schaffte die Kehrtwende. Private Investoren und Stiftungen steckten große Geldsummen in alte Gebäude, oder besser gesagt, in Ruinen. Das Holländische Viertel, der Neue Markt, das Belvedere auf dem Pfingstberg, Schmuckstücke im Park Sanssouci, das Krongut Bornstedt, das Hasso-Plattner-Institut, das Film- und Fernsehzentrum Babelsberg oder die Buga wurden zu Aushängeschildern, die Geschäfts- und Kulturleute anlockten. Und in der Brandenburger Straße haben sich seit zwei Jahren die Filialen der großen Ketten, Kneipen und Restaurants angesiedelt. Heute weist Potsdam das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Ostdeutschland auf. Entsprechend ist die Kaufkraft. Dazu muss man allerdings sagen, dass der Aufschwung in der Stadt nicht dank, sondern trotz der Rathauspolitik gelang.

Angesichts der wiedergewonnenen Attraktivität des Stadtzentrums wäre es geradezu sträflich, die Chance zum Geldverdienen auch durch ein Kaufhaus verstreichen zu lassen. Karstadt hat erkannt, dass Einkaufen heute mehr denn je zum Erlebnis werden muss. Dafür ist die Brandenburger Straße in Potsdam inzwischen die richtige Adresse.

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