Präsident der Helmholtz-Gesellschaft Jürgen Mlynek : „Neuland für die deutsche Wissenschaft“

Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft über die Karlsruher Fusion, die Superuni – und die US-Elite.

Institut für technische Physik
Mensch und Maschine: Hier ein Einblick ins Institut für technische Physik. -Foto: Laif

Herr Mlynek, als Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft sollen Sie den Aufsichtsrat des Karlsruher Institute of Technology (KIT) leiten – der ersten Körperschaft, die eine Universität und eine Forschungsorganisation zusammenführt. Bundeswissenschaftsministerin Schavan sieht in diesem Institut ein Modell für andere Universitäten. Teilen sie diese Ansicht?



Wir betreten mit dem KIT in der Tat Neuland im deutschen Wissenschaftssystem, weil wir hier erstmals eine Institution mit zwei Missionen einrichten. Der Karlsruher Zusammenschluss von Universität und Helmholtz-Zentrum schafft kritische Masse und er fokussiert die Kooperation auf bestimmte Themen.

Nennen Sie Beispiele.

Das KIT-Modell ist so interessant, weil hier Themen wie Energie gemeinsam bearbeitet werden, die für die Helmholtz-Gemeinschaft wichtig sind – Karlsruhe ist neben Jülich das Energiezentrum der Helmholtz-Gemeinschaft. Weitere Schwerpunkte des KIT sind Erde und Umwelt – hier spielt das Klima hinein, das ebenfalls einen Bezug zur Energie hat. Nanowissenschaften schließen die Materialforschung ein und auch die Astroteilchenphysik ist für uns interessant. Bei diesen Themen können die Universität Karlsruhe und das Helmholtz-Forschungszentrum gemeinsam mehr erreichen, als es vorher getrennt möglich war.

Bei der Karlsruher Fusion gibt es rechtliche Probleme. Wie sollen sie gelöst werden?

Trotz der Zusammenführung der Uni mit einem Helmholtz-Forschungszentrum in einer Körperschaft öffentlichen Rechts sind die Finanzströme für Lehre und Studium einerseits und für die Forschung andererseits weiterhin separat. Von daher gibt es keine Quersubventionierung in die eine oder andere Richtung.

Andere Universitäten erproben andere Kooperationsformen: die Universität Mainz mit der Max-Planck-Gesellschaft, die Universität Aachen mit dem Forschungszentrum Jülich der Helmholtz-Gemeinschaft. Was sind die Vorteile?

Die unterschiedlichen Hochschulstandorte sollten jeweils eigene Lösungen finden. Dabei kann das KIT Pate stehen, aber man sollte sich der Situation vor Ort anpassen. Die Kooperation zwischen unserem Forschungszentrum in Jülich und der Technischen Hochschule Aachen mündet in einer „Research Alliance“, die nicht so weit geht wie die des KIT. In Aachen-Jülich beschränkt sich die Forschungsallianz auf ausgewählte Themenfelder wie Simulationswissenschaft, Informationstechnologie und Gehirnforschung. Hier wird sehr viel Kompetenz vereint, aber es gibt keine institutionelle Zusammenführung wie in Karlsruhe. Auch in den Translationszentren, die die Helmholtz-Gesundheitszentren mit den Universitätsklinika eingerichtet haben, gehen die Einrichtungen nicht in einer Institution zusammen, sondern beschränken sich auf gemeinsame Aktivitäten.

Sind Vergleiche zwischen dem KIT, dem MIT in Boston und der in Europa führenden technischen Universität, der ETH Zürich, angesichts des KIT-Jahresetats von 600 Millionen Euro zu hoch gegriffen?

Man muss bei aller Begeisterung realistisch bleiben. In Deutschland ist zwar durch die Exzellenzinitiative unheimlich viel Schwung in das Wissenschaftssystem gekommen. Es bleibt aber die große Diskrepanz bei der Finanzierung. Die amerikanischen Spitzenunis MIT, Harvard, Yale, Stanford geben 100 000 Euro pro Studierendem aus, eine deutsche Universität wendet weniger als 10 000 Euro auf. Mit Hilfe der Exzellenzinitiative sind es vielleicht 11 000 oder 12 000 Euro. Der Faktor zehn im Unterschied bleibt, aber ich füge hinzu: Trotz der Unterfinanzierung arbeiten die deutschen Universitäten sehr effektiv und effizient; wir sind nicht um den Faktor zehn schlechter als die amerikanischen Spitzenunis.

Erwarten Sie nach dem Startschuss für das KIT jetzt bessere Chancen für den Masterplan von Jürgen Zöllner in Berlin?

Die Berliner Situation ist geprägt durch vier Universitäten und über sechzig Forschungsinstitute. Diese Konzentration bietet sich für ganz andere Kooperationsmodelle als in einer Körperschaft an. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist offen für jede interessante Kooperation mit den Universitäten. Die Idee von Senator Zöllner, den Wissenschaftsstandort Berlin noch attraktiver zu machen, ist nach wie vor spannend. In Berlin sehe ich jedoch eher Möglichkeiten nach dem Modell Aachen-Jülich. In Berlin läuft die enge Zusammenarbeit gut bei der Biomedizin etwa zwischen dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und der Charité in Berlin-Buch. Auch die Zusammenarbeit von Helmholtz mit den drei Berliner Universitäten funktioniert, kann aber noch weiter ausgebaut werden.

Zöllner möchte die im Exzellenzwettbewerb nicht zum Zuge gekommenen Projekte von HU, TU und FU über den Masterplan finanziell absichern. Außerdem sollen die Forschungsinstitute gemeinsam mit den Unis den wissenschaftlichen Nachwuchs heranziehen. Weiterhin möchte Zöllner, dass in einer Institution anspruchsvolle Masterstudiengänge gemeinsam angeboten werden. Ist das ein richtiger Ansatz?

Für uns sind die Universitäten privilegierte Partner, wenn es gilt, das Profil durch Schwerpunkte in ausgewählten Forschungsbereichen zu schärfen und dabei den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Das bedeutet für die Helmholtz-Gemeinschaft auch eine Kooperation bei der Doktorandenausbildung und bei der Förderung nach der Promotion. Wenn hier neue Modelle ausprobiert werden sollen, sind wir dabei.

Berlin ist ein armes Land. Drei Universitäten wollen im Kreis der Exzellenz mitspielen. Können die Milliarden, die international sichtbare Spitzenuniversitäten benötigen, ohne das Engagement von großen Forschungsinstituten aufgebracht werden?

Die deutschen Universitäten sind nach wie vor unterfinanziert und diesen Mangel zu beheben, ist in erster Linie Aufgabe der Länder. Mit Hilfe der neuen Kooperationsmodelle zwischen den Universitäten und Helmholtz-Zentren lassen sich Synergie-Effekte erzielen, die die Forschungsstandorte stärken. Auf diesem Gebiet kann man in Berlin weitaus mehr tun, als es zurzeit möglich ist. Wir werden ein neues Helmholtz-Zentrum in Berlin für Material und Energie bekommen, und zwar durch den Zusammenschluss des Hahn-Meitner-Instituts mit Bessy. Dadurch wird die Helmholtz-Gemeinschaft am Standort Adlershof präsenter sein als bisher. Ich hoffe, dass von den drei größten Universitäten in Berlin Kooperationsmodelle neuer Art erprobt werden. Das setzt aber eine Offenheit vonseiten der Universitäten voraus, neue Wege zu gehen. In den letzten Monaten habe ich das Gefühl gewonnen, dass sich die Universitäten in Berlin zu sehr mit sich selber beschäftigen.

Der ehemalige DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker meint, es seien zu viele Universitäten in Deutschland in den Elitestatus erhoben worden. So viel Geld könne der Staat für die neun Eliteuniversitäten gar nicht aufbringen, um die neuen Spitzeninstitutionen auch international sichtbar zu machen.

Mit der Exzellenzinitiative hat sich an den Universitäten in Deutschland viel zum Positiven bewegt. Die Länder stehen in der Pflicht, die Unterfinanzierung der Universitäten nun konsequent zu mindern. Wenn man den Bund hier in die Pflicht nehmen will, um die Universitäten stärker finanziell zu unterstützen, stößt man an die Grenzen des Zulässigen – sofern man im Rahmen der Föderalismusreform denkt.

Das Interview führte Uwe Schlicht.

Jürgen Mlynek (56) ist seit 2005 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Zuvor war er Präsident der Humboldt-Uni und Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.