Präsidentenwahlen : Zweikampf um Chefposten an der FU

An der Freien Universität wird es einen Zweikampf um das Präsidentenamt geben. Als Kandidaten für die Wahl am 12. Mai bestimmten die Gremien am Mittwochabend den FU-Germanisten Peter-André Alt und die Hannoveraner Politologin Christiane Lemke.

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Foto: promo

„Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.“ So fasste Hans-Uwe Erichsen, der Vorsitzende des FU-Kuratoriums, die Powerpoint-Präsentation zusammen, mit der der Germanist Peter-André Alt sich am Mittwoch im Kuratorium vorstellte. Alts Auftritt bildete den Auftakt zu einer ganztägigen Anhörungsrallye an der Freien Universität. Die Gremien wollten entscheiden, wen sie als Kandidat für die Präsidentenwahl am 12. Mai nominieren. Das Kuratorium entschied sich für Alt und den FU-Informatiker Raúl Rojas. Dieser war zwar nicht zum Vortrag eingeladen worden, erhielt das nötige Drittel der Stimmen aber in Abwesenheit.

Am späten Abend jedoch zog Rojas seine Bewerbung überraschend zurück. Ihm sei es um Kritik gegangen, erklärte er. Er finde einen internen Kandidaten ebenso inakzeptabel wie eine Hausberufung, weil dies einen frischen Blick von außen verhindere. Aber um die Freie Universität vor einem zermürbenden Wahlkampf zu bewahren, verzichte er darauf gegen Alt anzutreten. Er gehe ohnehin nicht davon aus, dass er bei der Wahl eine Mehrheit gefunden hätte.

Nicht vom Kuratorium nominiert wurde Christiane Lemke, Politikwissenschaftlerin aus Hannover, die einen Vortrag vor dem Gremium gehalten hatte. Am Abend wurde Lemke jedoch noch vom Akademischen Senat aufgestellt. Zur Anhörung vor dem Akademischen Senat, die sich vom Nachmittag bis in den späten Abend hinzog, waren etwa 100 Uni-Angehörige gekommen. Aus den Reihen im Hörsaal des Henry-Ford-Baus wurden anfangs Zwischenrufe nach „mehr Demokratie“ laut. Ein anderer Teil der Zuhörer antwortete mit genervtem Stöhnen. Bevor Alt mit seinem Vortrag beginnen konnte, musste er versprechen, sich mit allen interessierten Studierenden auszutauschen.

Buddies für Studenten: Alt will die Lehre stärken

Die FU glänze mit ihrer Fächervielfalt, ihrer wachsenden Reputation oder ihren auch im internationalen Maßstab spektakulären Drittmitteleinwerbungen, sagte Alt, der seine intime Kenntnis der FU ausspielen konnte. Der 49-jährige Leiter des Doktorandenzentrums der FU geht als Favorit um die Nachfolge des nach Hamburg gewechselten Dieter Lenzen ins Rennen.

Alt hielt der FU ihre Schwächen vor – und präsentierte Lösungsansätze. In der Lehre habe die Uni unter den neun deutschen Exzellenzhochschulen das schlechteste Betreuungsverhältnis. Auf einen FU-Professor kämen 77 Studierende, in Konstanz seien es nur 50, in München 60. „Die Balance zwischen der Forschungsdynamik und der Lehre ist noch nicht gelungen“, sagte Alt. „Die Exzellenzstrukturen sind mit den Normalstrukturen noch nicht synchronisiert.“ Ein weiteres Problem: Viele FU-Mitglieder fühlten sich nur „bruchstückhaft“ über die Entwicklung der Uni und die Arbeit ihrer im Exzellenzwettbewerb neu eingerichteten Gremien informiert. Zum „Topos“ sei an der FU bereits die „Erschöpfung“ ihrer Mitarbeiter geworden. Außerdem hat Alt „unproduktive Spannungen mit der HU“ festgestellt.

Alt unterbreitete in der ihm zur Verfügung stehenden halben Stunde eine Fülle von konkreten Vorschlägen, von der Stärkung des Personals für die Betreuung internationaler Gäste bis zu der Idee, Promovenden sollten wählen können, ob sie sich an der FU mit einem Stipendium oder mit einer Stelle im Mittelbau finanzieren wollen. Fragen der Gleichstellung von Frauen und Männern sollen in Zukunft als Ressortaufgabe eines Vizepräsidenten betrachtet werden. Ein Zentrum könnte sämtliche Aktivitäten der Bereiche Gleichstellung, Gender, Diversity bündeln.
Als roter Faden zog sich durch alle Überlegungen Alts das Thema Lehre. Lehr- und Seniorprofessuren, vorgezogene Berufungen sowie „professorale Tutorenschaften“ und „Buddyschaften“ älterer Studierender mit Erstsemestern sollen die Betreuung verbessern. Neuberufene sollen in Zielvereinbarungen nicht nur zu Drittmitteleinwerbungen, sondern auch zu didaktischen Weiterbildungen verpflichtet werden. Die Anerkennung von Studienleistungen zwischen den Berliner Unis solle verbessert, gemeinsame Abschlüsse angestrebt werden. Ob der Bachelor sechs oder acht Semester haben müsse, hänge vom Fach ab.

In den Naturwissenschaften und Fächern, die Fremdsprachen verlangen, könne es auf acht Semester hinauslaufen. Das müsse aber bundesweit abgestimmt werden, sonst isoliere sich die FU. Alt präsentierte auch eine Skizze für den neuen Exzellenzantrag der FU: Er will den Forschungscampus Dahlem „mit Leben erfüllen“ und eng mit den dort ansässigen außeruniversitären Einrichtungen zusammenarbeiten. Um zu verhindern, dass junge Wissenschaftler dauerhaft ins Ausland abwandern, plant Alt ein FU-Programm, mit dem ein- bis zweijährige Auslandsaufenthalte ermöglicht werden sollen. Danach gäbe es dann für sie eine realistische Aussicht auf eine FU-Professur. Alt hofft, dass die im Exzellenzwettbewerb eingeworbenen Cluster „Topoi“ und „Languages of Emotion“ in der nächsten Runde weiterfinanziert werden. Außerdem hofft er auf ein zusätzliches naturwissenschaftliches und ein sozialwissenschaftliches Cluster: „An einem solchen Tag muss es auch erlaubt sein, ein bisschen zu träumen“, fügte er hinzu.

Christiane Lemke einzige externen Bewerberin

Allgemeiner gehalten war notgedrungen die Vorstellung der einzigen externen Bewerberin, der Politologin Christiane Lemke. Lemke hat zwar ihre wissenschaftliche Laufbahn an der FU begonnen. Doch sie ist seit 1996 Professorin in Hannover. Lemke stellte politikwissenschaftliche Überlegungen zur Zukunft der FU an: In der Lehre müssten Studierende zum Weltbürgertum ausgebildet werden. Angesichts der „kleiner gewordenen Welt“ sei es die Aufgabe jeder Universität, über die Bedürfnisse ihres lokalen Standorts hinaus Aufgaben zu übernehmen. Die Lehre sei bundesweit wegen der Konzentration auf die neuen Studiengänge „sträflich vernachlässigt“ worden, sagte Lemke. Auch der Bachelor an der FU müsse darauf überprüft werden, ob er die Eigenverantwortlichkeit fördere und genug Praxisbezüge enthalte. Um ein „Mobilitätsfenster“ für Auslandsaufenthalte zu schaffen, müsse über eine Verlängerung auf sieben Semester nachgedacht werden.

Lemke betonte, dass sie als Präsidentin einen kooperativen Führungsstil pflegen will: Die Uni-Spitze habe stets darauf zu achten, „dass sie nicht abhebt“. Der dritte Anwärter, der 54-jährige Informatiker Raúl Rojas, machte bei seiner Präsentation keinen Hehl aus seinem Eindruck, dass der neue Präsident an der FU von mächtigen Seilschaften bestimmt werden soll. Er forderte für die nächsten Wahlen ein Vorgehen nach Art der HU, die externe Persönlichkeiten über eine Findungskommission abgetastet hat. Im übrigen solle es weniger um Personen und mehr um Ideen gehen.
Rojas stellte den bereits von ihm auf seiner Internetseite „Running for president“ präsentierten Vorschlag vor: Weil es der seit 15 Jahren fast um die Hälfte geschrumpften FU an kritischer Masse in der Forschung fehle, solle sie im nächsten Jahrzehnt eine Fusion mit der TU einleiten – eine Idee, die im Publikum ungläubiges Lächeln hervorrief. Eigentlich wünscht Rojas sich auch eine Fusion mit der HU. Doch vorerst müsse Rücksicht auf die Befindlichkeiten an der FU genommen werden. Die FU-Angehörigen lebten ständig in Angst, von der HU geschluckt zu werden. Zu Recht, wie Rojas meint. Immerhin habe die HU sich die Uni-Medizin der FU „nach und nach einverleibt“.

Applaus bekam Rojas für sein neues Organigramm der Uni. Im Zentrum soll nicht wie bei Lenzen das Präsidium stehen, sondern die Fachbereiche. Beifall gab es auch für seine Forderung nach besserer Bezahlung der Uni-Mitarbeiter. Welche Fragen die Mitglieder des Kuratoriums und des Akademischen Senats an die Kandidaten hatten, war nicht zu ergründen, denn die Anhörungen fanden unter Ausschluss der Zuhörer statt.

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