Präsidentschaftswahlen in Russland : ''Wüterich'' Kasparow fordert System Putin heraus

Sein Siegeswille ist legendär, seine Auftritte am Schachbrett haben ihm den Spitznamen "Wüterich von Baku" eingebracht. Nun will Ex-Weltmeister Garry Kasparow den russischen Präsidenten Putin beerben.

Valérie Leroux[AFP]
Garry Kasparow
Garry Kasparow. -Foto: dpa

MoskauDer frühere Schachweltmeister Garry Kasparow hat sich noch einmal viel vorgenommen. Der 44-Jährige tritt bei den Präsidentschaftswahlen im März als Oppositionskandidat an, um Präsident Wladimir Putin zu beerben. Wer, wenn nicht er, sagen sich viele Gegner des allmächtigen Staatschefs und seiner Machtkamarilla - hat Kasparow doch Erfahrung damit, Denkmäler der bestehenden Ordnung rücksichtslos vom Sockel zu stoßen. So besiegte er im zarten Alter von 22 Jahren die damalige sowjetische Schachlegende Anatoli Karpow. Doch im Kampf gegen Putin und den von ihm noch zu designierenden Wunsch-Nachfolger wird es mit scharfem Verstand, körperlichen Ausdauer und Siegeswillen wohl nicht getan sein.

Schon 1985, als Kasparow in einer legendären Partie Karpow schlug, "verteidigte sich das System, wollte den komfortablen Status quo bewahren", erinnerte sich Kasparow bei seiner Wahl zum Kandidaten des Oppositionsbündnisses "Anderes Russland" am Sonntag. Die Schach-Nomenklatura habe zäh gekämpft, um würdige Gegner möglichst lange von Karpow fernzuhalten. "Was heute in Russland passiert, erinnert mich an diese Zeit." Der geniale Schachspieler, der sich seit 2005 aus dem Wettkampfsport zurückgezogen hat, ist in der Politik genauso respektlos wie am Spielbrett: Als er 2005 in das neue Betätigungsfeld hinüberwechselte, setzte er sich kein geringeres Ziel als "die Putin-Diktatur herauszufordern".

Unbezähmbarer Siegeswille

Nicht nur wegen dieses Mutes dürfte er nationalistischen Putin-Anhängern ein Dorn im Auge sein. Kasparow wurde am 13. April 1963 in Baku, der Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan, geboren und stammt aus einer jüdisch-armenischen Familie von Ingenieuren. Schon mit sechs Jahren wurde sein Talent am Schachbrett erkannt, mit 13 Jahren wurde er Juniorenmeister der Sowjetunion. Dabei zeichneten ihn stets seine athletische Konstitution, sein herrisches Benehmen, seine unglaublichen Erfolge und sein unbezähmbarer Siegeswille aus. Spitznamen wie "der Wüterich von Baku" oder "das Monster mit den hundert Augen, die alles sehen", sprechen Bände.

Seinen Weltmeistertitel musste er dennoch abtreten - er verlor ihn im Jahr 2000 an seinen einstigen Schüler und Landsmann Wladimir Kramnik. Den Wettkampfsport beendete er mit einem Sieg beim spanischen Linares-Turnier 2005. Doch schon Jahre vorher hatte er begonnen, sich in die Politik einzumischen, so unterstützte er den von Generalsekretär Michail Gorbatschow eingeleiteten Umbau von Politik und Gesellschaft (Perestroika) und stellte sich auf die Seite des ersten russischen Präsidenten, Boris Jelzin. Nach seinem Rücktritt als Schachspieler schloss er sich umgehend einem Komitee an, das sich für freie Präsidentschaftswahlen im Jahr 2008 einsetzt.

Zermürbte Opposition

Kasparow ist angesichts der völlig zermürbten liberalen Opposition mit seiner starken Persönlichkeit ein Hoffnungsträger. Ob es ihm aber gelingt, unter dem Dach von "Anderes Russland" so unterschiedliche Männer wie den "nationalbolschewistischen" Schriftsteller Eduard Limonow und den früheren Ministerpräsidenten Michail Kasjanow zu einen, gilt als fraglich. Doch Kasparow ist nicht bange und hat auch schon eine genaue Vorstellung dessen, was zu tun ist. Die Opposition müsse "von Null wieder aufgebaut werden", sagte er am Sonntag. Dem Superhirn steht eine schwierige Partie bevor.