Der Tagesspiegel : Premierenfahrt vorzeitig beendet - die Festreden dauerten zu lange

KLAUS KURPJUWEIT

HENNIGSDORF/BERLIN .Seit gestern sind sich Brandenburg und Berlin erneut ein Stück nähergekommen.Zwischen Hennigsdorf und Tegel fährt wieder die S-Bahn - wie zuletzt vor 37 Jahren.Damit ist eine weitere Lücke im S-Bahn-Netz geschlossen, das jetzt 319 Kilometer lang ist und zu dem 159 Bahnhöfe gehören.Der Wiederaufbau der - weitgehend eingleisigen - Verbindung zwischen Berlin und dem Umland hat 150 Millionen Mark gekostet.

In einem scheinen sich Brandenburger und Berliner wirklich einig zu sein: in der Liebe zu "ihrer" S-Bahn.Rappelvoll waren gestern die ersten Züge auf der wiedereröffneten Strecke.Manch ein Fahrgast, der 37 Jahre hier nicht fahren konnte, hatte bei der erneuten Premiere Tränen in den Augen.Besonders freuten sich die älteren Hennigsdorfer.Der älteste, der jetzt wieder S-Bahn fahren kann, ist 105 Jahre alt.Für ihn hatte die S-Bahn sogar eine Sonderfahrt arrangiert.

Etwas gedulden mußten sich die Fahrgäste, die mit dem ersten regulären Zug von Berlin nach Hennigsdorf wollten.Für sie endete die Fahrt, wie bis 1984, als der Betrieb eingestellt wurde, vor der Stadtgrenze in Heiligenseee.Der erste Regelzug konnte Hennigsdorf nicht erreichen, weil die Reden zur Eröffnung dort länger dauerten als vorgesehen.Der Premierenzug nach Berlin, der das Gleis für den Gegenzug freimachen mußte, konnte deshalb erst mit Verspätung abfahren.Doch um 12.14 Uhr war es dann soweit.Alle 20 Minuten wird nun wieder eine S-Bahn Hennigsdorf mit dem Berliner Zentrum verbinden.In 9 Minuten erreicht man Tegel, und 37 Minuten sind es bis zum Potsdamer Platz.Um den Fahrplan einhalten zu können, setzt die S-Bahn GmbH nur ihre modernsten Züge ein, die 100 km/h fahren können.Obwohl die S-Bahn mit täglich 10 000 Fahrgästen auf der Strecke rechnet, hat es für ein zweites Gleis und damit für einen Zehn-Minuten-Betrieb am Tag nicht gereicht.

Überhaupt sind noch zahlreiche Wünsche der Fahrgäste nicht erfüllt.In Velten muß man weiter auf die S-Bahn warten; 2000 Unterschriften für die Verlängerung der Strecke über Hennigsdorf hinaus wurden gestern Brandenburgs Verkehrsminister Hartmut Meyer übergeben.Er hatte bereits 1995 mit seinem damaligen Berliner Kollegen Herwig Haase den ersten Spaten für den Wiederaufbau in die Erde gestochen; dort blieb er dann stecken, weil die Planer die Finanzierung "vergessen" hatten.Die Endabrechnung sieht dabei gut aus.Die Arbeiten haben etwa 60 Millionen Mark weniger gekostet als zunächst veranschlagt.Sie sind aber noch nicht beendet.In Schulzendorf fehlt der südliche direkte Zugang zwischen Bahnhof und Diakoniezentrum, der auch einen Aufzug erhalten soll.Ihn hatte der Senat zu spät bestellt.Und in Tegel halten die Buslinien weit vom Bahnhof entfernt.

Trotzdem wird jetzt weiter gefeiert.In Hennigsdorf kann man am Sonnabend von 14 Uhr an Verantwortliche der S-Bahn GmbH "ausquetschen".Auch der Weihnanchtszug fährt zum ersten Mal nach Hennigsdorf.Und wem die S-Bahn nicht reicht, der kann am Wochenende mit einem Dampfzug nach Velten weiterfahren.

Zornig waren dagegen gestern Fahrgäste im Regionalverkehr zwischen Hennigsdorf und Potsdam.Hier gilt nun ein neuer Fahrplan, vom dem viele nichts wußten.Sie verpaßten deshalb ihren Zug.

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