Der Tagesspiegel : Preußen-Jahr: Altranft zeigt sich von seiner süßen Seite

Helmut Caspar

Zucker war vor 200 Jahren ein ausgesprochenes Luxusgut, erst mit der Nutzung der Runkelrübe als Lieferant des weißen Goldes war er auch für weniger begüterte Schichten erschwinglich. Eine Vorreiterrolle spielte bei der Ablösung des teuren Rohrzuckers aus Übersee durch ein einheimisches Produkt das Oderbruch mit seinen günstigen Bodenverhältnissen. Mitte des 19. Jahrhunderts produzierten 18 Zuckerfabriken den süßen Stoff. Eine existierte in Altranft auf dem Gut des Grafen Hacke, und hier wird in einer Ausstellung zum Preußenjahr 2001 die Geschichte der märkischen Zuckerindustrie erzählt, verbunden mit einer Dokumentation der Agrarreform in Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die Sonderschau "Zucker aus dem Oderbruch" im Schloss Altranft (Kreis Märkisch-Oderland) schildert, wie der Berliner Chemiker Andreas Sigismund Marggraf 1747 aus der Runkelrübe, deren Blätter und Wurzel man bis dahin als Futtermittel und Arznei nutzte, Zucker extrahierte.

Die Zucht von regelrechten Zuckerrüben und ihr massenhafter Anbau haben der Region östlich von Berlin gut getan, ist in der Ausstellung anhand von Landkarten und Übersichtstabellen zu erfahren. Eine Zuckerfabrik nach der anderen entstand, 1860 zählte man deren 17 im Oderbruch. Die Gegend profitierte vom Zucker, Straßen wurden gebaut, Eisenbahnlinien angelegt. Viele Menschen kamen in Lohn und Brot.

Erst 1994 wurde, wie in der mit Stichen und Dokumenten sowie Verarbeitungsmaschinen und Ackergeräten bestückten Schau zu erfahren ist, die letzte Zuckerfabrik in Thöringswerder geschlossen. Deutlich wird der lange Weg, den die Rübe von der Ernte bis zum Kochen und Eindicken des Sirups unternahm. Der braune Saft wurde in hutförmige Behälter gegossen, in denen sich die Zuckerkristallisation vollzog. Und auch die hohe Wertschätzung des Zuckers wird durch silberne Zuckerzangen und kostbare Behälter unterstrichen. Der wirtschaftliche Aufschwung des Oderbruchs wäre ohne die von weit blickenden Persönlichkeiten wie Stein, Hardenberg und Thaer initiierte Agrarreform zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht möglich gewesen, ist im ersten Teil der Ausstellung in Altranft zu erfahren. Darüber hinaus finden zum Thema "Revolution von oben - Die Preußischen Agrarreformen" auch Ausstellungen in Möglin, Wandlitz und Bloischdorf statt. Die Agrarreformen brachten den Bauern zwar persönliche Freiheit und erlaubten ihnen, den Wohnort zu wechseln, doch gab es neben Gewinnern auch viele Verlierer. Viele landarme Bauern und Tagelöhner suchten ihr Heil in den Städten, etwa in Berlin, das sich binnen weniger Jahrzehnte in eine Millionenmetropole verwandelte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben