Prignitz : Alle Wege führen zum Schloss

Meyenburg gilt als "Tor zur Mecklenburgischen Seenplatte". Ausflug in ein Prignitz-Dorf, das einen besseren Bahnhof verdient.

Gerd W. Seidemann
Meyenburg
Schloss Meyenburg. In dem Prachtbau, der eigentlich "nur" ein Herrensitz war, sind heute zwei Museen, die Stadtbibliothek und das...Foto: gws

Dass mit der Bahn Touristen in die Prignitz kommen, erwartet dort offenbar niemand so recht. Der Bahnhof von Meyenburg steht jedenfalls nur stellvertretend für viele Stationen: einsam, verlassen, vergammelt. Dabei wäre es ein nettes Willkommen für Reisende und eine anständige Visitenkarte für die Gemeinden, denn die kleinen Orte müssen sich ja mit dem, was sie zu bieten haben, nicht verstecken. Wir haben einen Tagesausflug mit der Bahn von Berlin in den Nordwesten Brandenburgs unternommen, nach Meyenburg, das auch als „Tor zur Mecklenburgischen Seenplatte“ gelten darf.

Schon die Bahnanreise macht deutlich, dass es nun in die Tiefe des ländlichen Raumes geht. Ab Neustadt (Dosse) fährt die private Prignitzbahn mit stummelig-kurzen Triebwagen, vorbei an sogenannten Bedarfshaltestellen wie Rosenwinkel, Blumenthal oder Brügge (Durchsage: „Bitte dem Zugführer rechtzeitig anzeigen, wenn Sie aussteigen möchten.“). Mais- und Getreidefelder wechseln sich ab mit dichten Mischwäldern, an deren Rändern Hochsitze stehen, möglicherweise mehr als Wild zu finden ist. Sandige Feldwege führen zu ehemaligen LPGen, um deren Riesengebäude sich kein Mensch mehr schert. Zwischendrin schon mal schmucke Anwesen und neue Stallungen, komplett mit Solaranlagen auf dem Dach. Auch andere Wahrzeichen einer neuen Zeit sind an der Bahnstrecke allgegenwärtig: Windräder bis zum Horizont.

Schließlich Meyenburg. Endstation für den einzigen (!) Fahrgast. Doch die Schienen führen weiter. Wohin? „Bis nach Güstrow könnten wir fahren“, sagt der Zugführer. Und warum ist hier Schluss? „Offenbar gibt’s keine Nachfrage, dabei ist das eine herrliche Strecke durch die Seenplatte.“ Es habe mal Sonderfahrten an Wochenenden gegeben, „doch bevor sich das vor allem bei den Berlinern ’rumgesprochen hatte, war’s schon wieder vorbei“. Der alte Reichsbahner bedauert das. Der Fahrgast auch.

Merkwürdig: Das Amt Meyenburg führt auf seiner Internetseite den Bahnhof als „Sehenswürdigkeit“ auf. Nun, er steht unter Denkmalschutz, doch sehenswert? Für den Besucher sind es gottlob nur ein paar Schritte, dann ist die Tristesse (bis zur Abreise) vergessen. Ein gemächlich dahinziehendes Leben im Kleinstadt-Idyll tut sich auf. Wobei Meyenburg aus Berliner Sicht allerdings eher ein Dorf ist. Etwas mehr als 2000 Einwohner werden gezählt, nimmt man die umliegenden Gemeinden hinzu, sind es etwa 5000 Menschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben.

Pflasterarbeiten an Gehwegen und Grundstückseinfahrten, auch Zimmerleute und Dachdecker ackern auf Baustellen. Vorbei an „McAuto“ und dem hübschen alten Rathaus schnurstracks in den Schlosspark. Der Geruch von frisch gemähtem Gras empfängt den Besucher. Zwei Gärtner pflegen, was der aus Berlin stammende Hofgärtner Fink Ende des 19. Jahrhunderts als Landschaftspark gestaltet hat und was nach der Wende bis 1999 anhand historischer Pläne wieder hergerichtet wurde. Das Schloss, erstes und oft einziges Ziel der meisten Besucher, ist nicht zu verfehlen.

Alle Wege führen unter altem Baumbestand zu dem touristischen Pfund, mit dem Meyenburg wuchern kann. Gewiss, eigentlich handelt es sich um ein ziemlich aufwändig gestaltetes Herrenhaus, zweigeschossig mit zwei Flügeln in Form eines L angelegt. Der schmucke Backsteinbau hat, wie die meisten Adelshäuser der Region, eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die auch äußerliche Veränderungen mit sich brachte. Die Substanz stammt aus dem 15. Jahrhundert, allerdings fügte der Berliner Baumeister Friedrich Adler 1866 Stilelemente der norddeutschen Renaissance hinzu, die dem Ganzen den Charakter verliehen, den der Bau noch heute ausstrahlt.

In der Morgensonne hievt eine junge Frau zwei Aufsteller vor das Eingangsportal. Man möchte meinen, in der Prignitz herrsche dauerhaft Karibikwetter, so verblichen ist der offenbar ständig der Sonne ausgesetzte Hinweis auf das Modemuseum, das im Schloss ein Zuhause gefunden hat. Was Josefine Edle von Krepl in 50 Jahren gesammelt hat, ist hier zu bestaunen: „Auf 1000 Quadratmetern zeigt sie Hunderte Kleider, Schuhe, Ketten, Capes, Dessous und Handtaschen aus dem 20. Jahrhundert. Ihr Besitz gehört zu einer der weltweit größten Privatsammlungen historischer Kleidungsstücke und Accessoires. Der letzte Schrei von gestern“, schrieb der Tagesspiegel 2006 bei der Eröffnung. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Im zweiten Flügel des Hauses hat sich das Heimatmuseum etabliert, wobei die Beobachtung zeigt: Die (überwiegend weiblichen) Besucher an diesem Morgen streben ins Modemuseum, während ihre männlichen Begleiter eher Gefallen an den zahlreichen Bänken im Park finden als den Weg zur Meyenburger Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Auch die Reste der alten Stadtmauer oder der „Hungerturm“, der ehemalige Kerker, können die Anziehungskraft eines schattigen Plätzchens nicht brechen.

Nein, nicht immer war die Nutzung des Schlosses so angemessen wie heute. Mitte der 30er-Jahre turnten hier die Kameraden einer SA-Sportschule, die dann das Feld für den Reichsarbeitsdienst räumten. Nach dem Krieg das Übliche: Flüchtlinge und Vertriebene brauchten einen Unterschlupf, bis sie wieder Fuß gefasst hatten. Dann spulte sich das bekannte Elend der DDR-Nutzung ab: Kinderkrippe, Kindergarten, Hort und Schule, provisorische Umbauten, Verlotterung der Substanz. Die Sanierung war nach 14-jähriger Bauzeit 2006 vollbracht.

Doch es lohnt auch, den Großstadtdünkel abzulegen und ein paar Schritte abseits von Park und Schloss zu tun. Vom Schloss aus gesehen jenseits der Hauptverkehrsader, stehen an Wall- und Hagenstraße hübsche Ackerbürgerhäuser in Fachwerk aneinander. Sie wurden allerdings „erst“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts gebaut, nachdem ein verheerender Brand den Ort verwüstet hatte.

Zeit für die Rückfahrt? Ja, aber bloß nicht zu früh am Bahnhof erscheinen…

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