Primera Division : Realer Wahnsinn

Real Madrid steht vor dem Gewinn der Meisterschaft, weil der FC Barcelona den Titel verschenkt.

Julia Macher
070611messi
Wie Maradona: Lionel Messi erzielte per Hand das 1:1 gegen Espanyol.Foto: AFP

BarcelonaEs waren wohl die dramatischsten achtzehn Sekunden in der Geschichte der Primera División. Sie hatten alles, was ein Liga-Endspurt braucht: große Emotionen, überraschende Tore und zwei Rivalen, deren Schicksal trotz Hunderter Kilometer Entfernung fast magisch verknüpft schien. Im Fernduell, das der FC Barcelona und Real Madrid seit Wochen austragen, wurde die 89. Minute zur Schicksalsminute. Die Blau-Roten führten im Lokalderby gegen Espanyol Barcelona eine Minute vor Abpfiff 2:1, da ging ein Raunen durch das katalanische Stadion. Ruud van Nistelrooy hatte im 308 Kilometer entfernten Saragossa das 2:2 für Real Madrid erzielt. Wenige Sekunden später erzielte Espanyols Torschützenkönig Raúl Tamudo mit seinem zweiten Treffer den Ausgleich gegen den FC Barcelona. Zweimal 2:2, das heißt nach spanischer Fußball-Arithmetik: Real Madrid führt die Tabelle auf Grund des direkten Vergleichs weiter vor den punktgleichen Katalanen an. Daran wird wohl auch der letzte Spieltag nichts ändern, an dem sich der FC Barcelona gegen den Tabellenletzten Tarragona und Real Madrid zu Hause gegen RCD Mallorca beweisen muss.

„Mathematisch ist ein Sieg noch möglich“, sagte Barcelonas Trainer Frank Rijkaard und versuchte Hoffnung zu verbreiten. Dann aber gestand er sichtlich geknickt ein: „Wir haben eine großartige Chance vergeben. Das war ein sehr harter Schlag für uns.“ Xavi Hernandez, zentraler Mittelfeldspieler, übte harsche Selbstkritik: „Wir haben die Liga verschenkt. Das lag am Konzentrationsmangel der ganzen Mannschaft.“ Dabei schien es eine gute Dreiviertelstunde so, als dürfte sich der Verein doch noch zum dritten Mal in Folge Spanischer Meister nennen. Dank Lionel Messi. Das Wunderkind, bei dem die Vergleiche mit seinem Landsmann Maradona schon zur Gewohnheit geworden sind, lupfte den Ball gegen Ende der ersten Halbzeit zum ausgleichenden Tor in die Maschen – mit der linken Hand, exakt wie sein großes Vorbild 1986 beim WM-Viertelfinale gegen England. Nach einem präzisen Pass von Deco schoss „Maradonito“ seinen Verein dann in der 56. Minute regelkonform in Führung. Das Stadion feierte den 19-Jährigen mit „Messi, Messi“-Rufen. Was den Culés in der letzten Saison Ronaldinhos virtuose Ballzaubereien, sind ihnen in diesem Jahr die schnellen Dribblings und die ansteckende Spielfreude des Argentiniers.

Dennoch: Messis Maradonesken blieben diesmal nur Anekdote. Denn wie schon so häufig in dieser Saison gelang es Erzrivale Real Madrid buchstäblich in letzter Minute, das mäßige Match umzudrehen. Und wieder war dabei auf David Beckham und Ruud van Nistelrooy Verlass. Nachdem der Holländer mit einem Kopfballtreffer schon den 0:1-Rückstand wettgemacht hatte, sorgte er auch in der Schlussminute für den ersehnten Ausgleich. „Heute haben wir nicht gut gespielt“, sagte der spanische Torschützenkönig, „aber die Mannschaft hat stets Entschlossenheit gezeigt. Deshalb – und dank Barca – haben wir das Problem gelöst. Dass Espanyol noch ausgleichen konnte, ist unglaublich!“

Den königlichen Verein dürstet es so sehr nach dem ersten Titel seit vier Jahren, dass selbst Vereinspräsident Ramón Calderón die Etikette vergaß und das Unentschieden mit einer Ehrenrunde auf dem Rasen feierte.

Der FC Sevilla, der gegen Real Mallorca nur 0:0 spielte, hat sich aus dem Rennen um die Meisterschaft wohl verabschiedet. Nur ein mittleres Wunder ermöglicht dem Klub von Andreas Hinkel noch den Sprint an die Tabellenspitze. Sowohl Barcelona als auch Real Madrid müssten am letzten Spieltag verlieren. Die Andalusier müssten ihrerseits gegen Villareal gewinnen, um sich zum ersten Mal seit 61 Jahren Spanischer Meister nennen zu dürfen.