PRO & Contra : Soll die Straßenbahn wieder durch den Westteil Berlins fahren?

PRO



Schienenbonus“ ist ein leider nur in Fachkreisen geläufiges Wort. Es bedeutet, dass Leute mit der Bahn fahren, die mit dem Bus nicht fahren würden. Weil die Bahn schneller ist und leiser und keinen Busfahrer hat und nicht bei jedem Gullydeckel schwankt. Der Schienenbonus animiert gebrechliche Menschen zu Ausflügen, die sie mit dem Bus lieber nicht machen würden und mit dem Rad nicht (mehr) machen können. Er erleichtert Autofahrern den Umstieg von ihren vierrädrigen Lieblingen auf den öffentlichen Nahverkehr. Und er sichert der BVG im U-Bahn-mäßig unterentwickelten Ostteil der Stadt zigtausende treue Kunden. Aber die Straßenbahn hat nicht nur diesen längst bekannten Vorteil, sondern auch einen, der gerade jetzt wirklich wichtig wird: Sie macht da, wo sie fährt, keinen Dreck. Keinen Feinstaub, der beim Dieselmotor teuer herausgefiltert werden muss. Keine giftigen Stickoxide, die bisher nicht herausgefiltert werden – und von denen wir dank einer neuen EU-Richtlinie spätestens ab 2010 wohl mehr hören und lesen werden, als uns lieb ist. Außerdem wird die Straßenbahn mit Ökostrom so umweltfreundlich wie sonst nur das Fahrrad. Das sind die Dinge, die in Zukunft zählen – und in die es jetzt zu investieren gilt. Und wer dem „Schienenbonus“ misstraut, kann sich zumindest hin und wieder auf den Bus-Ersatzverkehr freuen. Stefan Jacobs

CONTRA


Wohl dem, der im überregulierten Berliner Straßenverkehr mit dem Auto nur im Westen unterwegs sein muss. Er steht an den tausenden Ampeln, an den zahllosen Baustellen und hinter Bussen, die bei der übernächsten Grünphase mal ganz langsam abbiegen. Wer im täglichen Berliner Berufsverkehr unterwegs ist, denkt in den zahllosen Stehpausen gern, wie gut er es hat: Er darf im straßenbahnfreien Teil Berlins unterwegs sein. Die Straßenbahn nämlich gibt dem, der den Anspruch hat, durch Nutzung seines Autos irgendwann auch irgendwo anzukommen, den Rest. Straßenbahnen halten alle paar Meter mitten auf der Straße – und mit ihnen alle, die im Auto hinter den Bahnen das Pech haben, unterwegs zu sein und nimmermehr an ihnen vorbeizukommen. Straßenbahnen fahren langsamst mitten auf der Straße um die Kurven, bis der Fahrer feststellt, dass er eine Zwangspause einlegen muss, weil ein LKW den Kurvenradius der Bahn blockiert – und mit ihm das ganze Viertel. Straßenbahnen sind lahm und laut – und überflüssig in dem Teil der Stadt, dessen Untergrund durchbohrt ist von vielen Kilometern U-Bahn-Tunneln, während sein Straßennetz überzogen ist von vielen Kilometern Busspur. Straßenbahnen sollen da fahren dürfen, wo sie eine eigene Trasse haben – da stört nur ihr Vorrecht beim Abbiegen. Wer Straßenbahn fahren will, gehe doch nach drüben. Werner van Bebber

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