Proteste : Massenverhaftungen in Birma

Bei nächtlichen Razzien sind in Birma nach Angaben aus diplomatischen Kreisen wahrscheinlich mehrere tausend Menschen verhaftet worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte an China, zur Entschärfung der Krise beizutragen.

Rangun/Berlin"Das Militär ist jede Nacht unterwegs und nimmt immer mehr Leute fest", sagte die Geschäftsträgerin der US-Botschaft Shari Villarosa. "Ich gehe davon aus, dass tausende Menschen festgenommen worden sind." Über ihren Verbleib ist nichts bekannt. Die Militärjunta des bitterarmen Landes hatte vor einer Woche mit der brutalen Unterdrückung der friedlichen Proteste begonnen. Die Sicherheitskräfte drangsalierten Mönche mit Tränengas und Schlagstöcken und schossen auf Demonstranten. Nach offiziellen Angaben kamen zehn Menschen ums Leben, Exil-Gruppen sprechen aber von bis zu 200 Toten.

Der UN-Gesandte schweigt

Unterdessen hat der UN-Gesandte Ibrahim Gambari seine Vermittlungsgespräche mit dem Juntachef General Than Shwe und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi in Birma beendet. Er traf am Dienstagabend vor der Abreise überraschend erneut mit Suu Kyi in Rangun zusammen, bewahrte aber absolutes Stillschweigen über die Gespräche. Villarosa zeigte sich befremdet, dass Gambari die Diplomaten in Rangun nicht informierte. Das sei bei früheren Besuchen immer der Fall gewesen. "Es besteht natürlich größtes Interesse, und dass er uns nicht unterrichtet hat, ist beunruhigend."

Gambari traf bei einem Zwischenstopp in Singapur Ministerpräsident Lee Hsien Loong. Einzelheiten zu Gambaris Gesprächen wurden auch dort nicht bekannt. Lee zeigte nach einer Mitteilung des Außenministeriums anschließend "ermutigt über die Kooperation der birmanischen Regierung" und forderte Gambari auf, seine Anstrengungen fortzusetzen.

In der Hafenmetropole Rangun, die vergangene Woche Schauplatz von Demonstrationen zehntausender Mönche und Zivilisten war, blieb die Lage gespannt. Das Militär räumte einige Stacheldrahtbarrikaden fort. Durch die Straßen fuhren aber wieder Lautsprecherwagen, die die Menschen vor weiteren Protesten warnten.

Birmanischer Major geflüchtet

Ein Major der birmanischen Armee hat den Schießbefehl auf Demonstranten nach eigenen Angaben verweigert und ist nach Thailand geflüchtet. Der 43-Jährige sprach am Mittwoch mit einer schwedischen Rundfunkstation und berichtete von seiner Flucht. Er habe gerüchteweise von 200 Toten bei den Protesten in mehreren birmanischen Städten gehört. Die US-Diplomatin geht auch davon aus, dass die Zahl der Toten "sehr viel höher" liegt als das Regime einräumt. Nach offiziellen Angaben kamen zehn Menschen ums Leben.

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Louise Arbour, verlangte in Genf von der Junta vollständige Aufklärung der Ereignisse. Hilfsorganisationen müssten zu den Internierten gelassen werden, "vor allem im Licht der nächtlichen Razzien und Einschüchterungen".

Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte an China, zur Entschärfung der Krise beizutragen. "Ich hoffe, dass China seinen Einfluss in Birma nutzt, damit die notwendigen Bedingungen für ein gewaltfreies Demonstrieren und eine demokratische Entwicklung entstehen können", sagte Merkel der Wochenzeitung "Die Zeit". China werde "ein zunehmend wichtiger Partner, wenn es darum geht, Beiträge zu Konfliktlösungen zu leisten". (mit dpa)