Prozess : Ein Baby passte nicht in die Lebensplanung

Eine 22-Jährige muss sich wegen zweifacher Kindstötung vor dem Landgericht Frankfurt verantworten. Sie hatte im März ein Baby kurz nach der Geburt und das zweite noch im Mutterleib getötet.

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) – Der Verteidiger postiert für die Fotografen einen Teddy vor dem Aktenstapel. Den habe sich seine Mandantin gewünscht. „Sie sei eben noch ein Teenager, ja, ein richtiges Kind und unreif für ihr Alter“, sagt Anwalt Mirko Röder. Als die so beschriebene Angeklagte am Dienstag den großen Verhandlungssaal im Landgericht von Frankfurt (Oder) betritt, wird sie von ihrem Verteidiger und dessen ebenfalls als Anwältin arbeitenden Ehefrau wie die eigene Tochter begrüßt. Viel Vertrauen spricht aus dieser Szene. Auf dem Gesicht der 22-jährigen Angeklagten sind allerdings keine kindlichen Züge erkennbar, vielleicht Ergebnis der siebenmonatigen Untersuchungshaft. Hier soll sie als „Kindsmörderin“ einen schweren Stand haben. Franziska S. aus Biesenthal hat im März ihre Zwillingsbabys getötet – eins kurz nach der Geburt im Bad der elterlichen Wohnung und eins im Mutterleib.

Laut Anklage sind beide lebensfähigen Babys entweder durch kräftige Schläge mit den Fäusten oder mit einem Gegenstand getötet worden. Verteidiger Röder will auf eine „Verurteilung im minderschweren Fall von Totschlag“ plädieren. Das Strafmaß liegt dafür bei 12 Monaten bis zehn Jahren Freiheitsstrafe.

In ihrer vom Anwalt verlesenen Erklärung stellte sich die Angeklagte als „wohlbehütetes Nesthäkchen“ der fünfköpfigen Familie dar, das ständig kontrolliert worden sei. „Ich sollte und wollte die Vorzeigetochter sein“, formulierte sie. Tatsächlich fehlte es ihr an nichts. Aufgewachsen in Marzahn, machte sie ihr Abitur 2006 in Bernau. Ihrem Vater zuliebe studierte sie Lehramt für Geschichte und Latein in Greifswald und wechselte später nach Rostock. Der Vater, zu DDR-Zeiten Bauleiter und heute Manager in einem ausländischen Konzern, finanzierte Studium, Wohnung und Auto. Vor zwei Jahren begann eine kurze Liaison mit einem Kommilitonen, bei der sie schließlich ungewollt schwanger wurde.

„Ich verdrängte die Schwangerschaft, denn sie passte nicht in meine egoistische Lebensplanung“, erklärte Franziska S. „Heute bereue ich mein Handeln zutiefst.“ Angeblich sollen ihre Eltern nichts von den Babys im Bauch ihrer Tochter während des Besuchs in den Semesterferien mitbekommen haben. Sie hätten ihr lediglich geraten, wegen der „Bauchschmerzen“ zum Arzt zu gehen.

Dafür war es dann in der Nacht zum 25. März zu spät. Nach ihren Erinnerungen hat sie das erste Kind nach der Geburt fest an sich gedrückt. Sein Schreien sollte die schlafenden Eltern nicht wecken. Wie mechanisch habe sie dann das tote Kind in einer Tüte unter der Couch versteckt. Doch nun drängte zu ihrer Überraschung noch ein zweites Kind ans Tageslicht. Sie habe gegen ihren Bauch geschlagen, während ihre inzwischen aufgewachten Eltern den Notarzt verständigten. Im Krankenhaus wurde sie vom zweiten Zwilling entbunden, der die Schläge ebenfalls nicht überlebt hatte. Die Ärzte entdeckten eine zweite Nabelschnur und alarmierten die Polizei. Die fand das erste tote Baby.

„Mit meinen Eltern konnte ich bisher noch nicht über mein Scheitern reden“, erklärte die Angeklagte, die den Teddy während der Verhandlung nicht ein einziges Mal zur Hand nahm. Ein Urteil wird für Ende November erwartet.

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