Der Tagesspiegel : Prozessauftakt: Selbstmord in der "Backofen-Affäre

Thorsten Metzner

Er nimmt die Hände vors Gesicht, schüttelt den Kopf, wischt sich immer wieder verstohlen Tränen aus den Augen: Edwin Zimmermann steht unter Schock. Brandenburgs früherer Agrarminister kann einfach nicht glauben, was der Vorsitzende Richter Joseph Flücken vor wenigen Sekunden, um 9.58 Uhr im Saal 015 des Potsdamer Landgerichts, als "traurige Pflicht" verkündete: "Wolfgang Siegler hat sich heute Morgen das Leben genommen." Der 51-jährige Siegler, früher Vorstandsmitglied des Fördervereins Dahme/Mark und wie Zimmermann einer der Angeklagten in der "Backofen-Affäre", ist tot. Er hat sich in einem Wald bei Dahme erschossen.

Auf Bitten vom Anwalt des Ex-Ministers, der noch immer um Fassung ringt, wird der Prozess eine Viertelstunde unterbrochen. "Ich verstehe es einfach nicht. Ich dachte, ich kannte ihn gut", sagt Zimmermann tonlos. "Wir wollten doch beide den Prozess, ein Urteil, damit endlich die Verdächtigungen aufhören. Er hielt es für eine Lappalie." Stimmt das wirklich so? Warum dann die Verzweiflungstat - gerade zu Prozessbeginn? Einst hatte man gemeinsam den Förderverein in Dahme auf die Beine gestellt, der dann auch die Schaubäckerei auf dem Zimmermannschen Familienhof in Schöna-Kolpin in Angriff nahm. Jenes Projekt, das den Minister das Amt kostete - und auf die Anklagebank brachte. Man kannte sich doch so lange, duzte sich, der Freitod Sieglers müsse einfach andere Gründe haben, wiederholt Zimmermann. Und wenn nicht? "Es wäre schlimm." Weil er sich dann auch selbst Vorwürfe machen müsste?

Zwar überschattet der tragische Selbstmord den Prozess an diesem nebligen Mittwochmorgen völlig. Doch entscheidet Richter Flücken, die Hauptverhandlung nicht platzen zu lassen, die Anklageschrift wird verlesen. Die Ereignisse freilich liegen lange zurück: Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ex-Minister, dem damaligen Förder-Referatsleiter Joachim Domeratzky sowie den Vereinsvorständen Hans-Werner Schüler und dem nun verstorbenen Wolfgang Siegler gemeinschaftlichen Betrug, den Amtsträgern auch Missbrauch ihrer Funktionen vor. Sie sollen das Land 1997 bei der Schaubäckerei "unter Vorspiegelung falscher Tatsachen" um 488 768 Mark betrogen, damit einen "Vermögensverlust großen Ausmaßes" verursacht haben.

In der Klageschrift ist etwa die Rede von einem datumslosen Förderantrag, den das Ehrenmitglied Zimmermann auf einer Vereinssitzung auf den Tisch legte - und zur sofortigen Bearbeitung ins eigene Ministerium mitnahm. Oder von bewusst zurückdatierten Formularen, vernichteten Dokumenten, um zu verschleiern, dass Umbauten auf dem Hof längst begonnen hatten, was eine Förderung ausgeschlossen hätte. Gerade an diesem Morgen nicht ohne Brisanz: Siegler hatte in seiner Aussage Zimmermann und Domeratzky zumindest teilweise widersprochen. Der Ex-Minister selbst hat im Vorfeld des Prozesses jegliche Schuld von sich gewiesen. Bei Zimmermanns Anwalt klingt dies juristisch-zurückhaltender: Die Staatsanwaltschaft habe zwar viele Behauptungen aufgestellt, aber keine Beweise, sagt Dieter Graefe, der früher Wirtschaftsstaatsanwalt in Hannover war. Die Anklagebehörde habe offenbar gehofft, die Lücken während der Gerichtsverhandlung zu schließen.

Und Anwalt Graefe erklärt den Fall Zimmermann mit einem Bild: "Stellen Sie sich vor, wir stehen im Kaufhaus und ich stehle plötzlich etwas. Und dann wirft man ihnen vor, Sie haben mich stehlen lassen." Das hieße aber, dass es bei der Backofen-Affäre tatsächlich einen Förderbetrug - und damit Schuldige gab. Setzt Zimmermanns Anwalt auf Bauernopfer, um Brandenburgs früheren "Bauernkönig" zu retten?

Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt.

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