Psychologie : Die Angst, hässlich zu sein

Tage, an denen man sein Antlitz am liebsten unter einer Tüte verstecken würde, kennt fast jeder. Doch für Menschen mit Dysmorphophobie wird jeder Blick in den Spiegel zum Albtraum.

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Zweifelnd. Die meisten Menschen sind von ihrem Aussehen nicht überzeugt, einige aber steigern sich in Selbsthass hinein. Foto:...www.avatra.de

„Entweder ich leide unter Dysmorphophobie oder ich seh’ ultragruselig aus. Aber so viel ist sicher: Ich habe selten so ’ne hässliche Kreatur gesehen wie mich.“ Diese Zeilen hat „Raumschiff“ im Selbsthilfeforum einer Internetplattform hinterlassen. Die Einträge dort lesen sich allesamt wie in Stein gemeißelte Kriegserklärungen an den schlimmsten Feind. Ungeliebter Adressat – der eigene Körper.

Zugegeben, Tage, an denen man sein Antlitz am liebsten unter einer Tüte verstecken würde, kennt fast jeder. Und meistens überdauert der selbstkritische Blick auch die Pubertät. Nach einer Umfrage der Zeitschrift „Psychology Today“ sind nur 18 Prozent der Männer und sieben Prozent der Frauen „absolut“ mit ihrem Aussehen zufrieden und tun auch nur wenig, um ihr Erscheinungsbild zu verbessern. Die große Mehrheit jedoch versucht auf vielfältige Weise, die eigene Optik aufzuhübschen.

Das kann allerdings krankhafte Züge annehmen. Experten sprechen etwa von einer körperdysmorphen Störung (KDS), wenn die Patienten unter einem Makel leiden, der für andere nicht oder zumindest nicht in dem Ausmaß sichtbar ist, der Betroffene sich also als extrem hässlich im Spiegel wahrnimmt.

Damit es für den Befund reicht, muss die Beschäftigung mit diesem Makel so stark sein, dass sie die Patienten in ihrem alltäglichen Leben, der Berufsausübung oder in ihren sozialen Beziehungen stark einschränkt. Sie vermeiden Situationen, in denen sie der Musterung und negativen Bewertung durch andere ausgesetzt sein könnten. Ständig werden sie von wiederkehrenden Gedanken über die eigene Hässlichkeit gequält, die zur permanenten Überprüfung ihres Aussehens führen. Spiegel, Schaufenster oder Löffel ziehen ihre Blicke fast magisch an. Die Patienten erwarten stets, das Schlimmste darin gespiegelt zu finden, sich selbst. Manche wagen sich nicht mehr oder nur bei Dunkelheit aus ihrer Wohnung, andere setzen alle Hoffnungen auf das Geschick der Chirurgen und deren Fingerfertigkeit im Umgang mit dem Skalpell.

Aber das Problem lässt sich nicht operativ entfernen. „Ist der eine Makel behoben, geht es bei körperdysmorphen Patienten meistens an einer anderen Körperstelle weiter“, sagt Anja Grocholewski von der Universität Bielefeld. Die Psychologin untersucht gemeinsam mit Kollegen, was die Wurzel einer körperdysmorphen Störung sein könnte. Zu Beginn ihrer Untersuchung haben sich die Forscher gefragt, ob KDS-Patienten beispielsweise häufig in Schönheitskliniken anzutreffen sind.

„2002 haben sich 6,6 Millionen US-Amerikaner in kosmetisch-medizinische Behandlung begeben“, sagt Grocholewski. „Das ist im Vergleich zum Jahr 1992 ein Anstieg um 1600 Prozent.“ Auch das deutsche Pendant spricht für sich. Im Jahr 2002 wurden 660 000 Eingriffe von den Mitgliedern der Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen vorgenommen, was wiederum einem Anstieg von 605 Prozent seit dem Jahr 1990 entspricht.

Erstaunlicherweise fänden sich aber bei der Mehrheit der Patienten, die kosmetisch-medizinische Behandlungen wünschten, keine psychischen Störungen. Nur bei rund sieben Prozent der Patienten in Praxen der plastischen Chirurgie trafen die Forscher auf körperdysmorphe Patienten. „Wir nehmen an, dass einer bis zwei von 100 Personen in unserer Gesellschaft eine körperdysmorphe Störung hat“, vermutet die Bielefelder Psychologin. Die meisten Betroffenen versuchen, ihr Aussehen ständig und zwanghaft zu kontrollieren. „Dabei gibt es verschiedene Strategien: Die einen machen sich besonders unscheinbar, andere verkleiden sich als schillernde Barbiepuppe, um von ihrem Makel abzulenken“, meint Anja Grocholewski.

Das Bielefelder Forscherteam hat bereits 20 Patientengeschichten analysiert. Für die Betroffenen ist es schwierig, zu den Gesprächen zu kommen. Es sind sowohl Frauen als auch Männer darunter, Junge genauso wie Alte. Bis Anja Grocholewski die Patienten vor sich sitzen hat, vergehen bis zu zehn Stunden lange Telefonate. Manchmal kommen die Probanden trotzdem nicht zum vereinbarten Termin. „Die meisten befürchten, dass ich ihnen sagen könnte: Ja, du bist ja echt hässlich“, sagt Grocholewski. Diese Angst muss sie den Geplagten erst nehmen.

Extrem schwierig sei es für diese Menschen, über ihr Leiden zu sprechen. Familien seien am Schönheitswahn zerbrochen und an den ständig wiederkehrenden, zermürbenden Fragen: „Sehen meine Ohren komisch aus? Ist meine Nase okay?“ Viele der Patienten seien mittlerweile sozial komplett isoliert und kaum mehr in der Lage, das Haus tagsüber zu verlassen. „Deshalb vereinbaren wir auch Termine im Schutz der Nacht.“

Sind die Patienten dann erst einmal da, werden lange Gespräche geführt, Testbögen ausgefüllt und ein Blickbewegungsexperiment vorgenommen. „Wir zeigen den Patienten verschiedene Fotos von verschiedenen Personen, die sie sich in Ruhe ansehen sollen. Ihr eigenes ist auch darunter“, sagt die Psychologin. Erkenntnisse soll das Verfahren beispielsweise darüber liefern, wie der Blickverlauf der Patienten ist.

Phasen, in denen man sich nicht wohl in seiner Haut fühlt, erlebt jeder irgendwann. Nur wer zusätzlich gewisse psychische Voraussetzungen hat, kann daraus ein krankhaft ablehnendes Gefühl dem eigenen Körper gegenüber entwickeln. „Wer zum Beispiel als Jugendlicher unter sehr starker Akne litt und ständig gehänselt wurde, ist anfälliger dafür, auch im Erwachsenenalter Probleme mit seinem Aussehen zu haben“, sagt die Forscherin.

Zugleich gibt es Hinweise dafür, dass das Äußere wichtiger wird. Studien belegen, dass attraktive Menschen im beruflichen und sozialen Umfeld erfolgreicher sind. Shows wie „Germanys Next Topmodel“ mildern den selbstkritischen Blick von Teenagern vermutlich auch nicht gerade ab. Doch einen Auslöser sieht Anja Grocholewski darin nicht. „Niemand wird eine körperdysmorphe Störung entwickeln, wenn er diese Sendungen im Fernsehen anschaut und nicht schon entsprechend veranlagt ist.“

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