Der Tagesspiegel : Radeln auf Berlins einzigem Zweitausender

Sportler müssen zum Training künftig nicht mehr ins Gebirge fahren, sondern nach Moabit

Stefan Jacobs

Moabit. Als gesundheitsbewusster, aber wind- und wetterscheuer Mensch begab man sich bisher in mäßig durchlüftete Räumlichkeiten, um mit starr auf die Wand gerichtetem Blick in die Pedale eines räderlosen Fahrrades zu treten. Mit leerem Kopf fuhr man schließlich wieder heim und fragte sich, ob das alles gewesen sein sollte.

War es nicht, denn jetzt sind die angewurzelten Fahrräder im sportmedizinisch wertvollen Hochgebirge angekommen. Dieses befindet sich in der Moabiter „Sport-Oase“ an der Stromstraße und ist über eine lange Wendeltreppe zu erreichen. Mit einer gefühlten Höhe von 2500 Metern ist es zugleich Berlins höchstgelegener Punkt. Ab Sonnabend können hier bis zu zehn Athleten gleichzeitig trainieren – das ist nach Auskunft von Betreiber Horst Zetsche einmalig in Deutschland. Optisch zeichnet sich der Trainingsraum zum einen durch ein Matterhorn aus Pappmaché aus. Außerdem – und darauf kommt es an – hängen unter der Decke allerlei Rohre, aus denen künstlich erzeugte Höhenluft quillt. Die enthält mit 14,9 Volumenprozent deutlich weniger Sauerstoff als Flachlandluft (20,9 Prozent), was den Kreislauf in Schwung bringt: der Puls steigt, rote Blutkörperchen werden gebildet, Fett wird verbrannt. Für Spitzensportler ist Höhentraining vor Wettkämpfen normal.

Nun ist da, wo die Berge nicht nur aus Pappmaché sind, vor allem der Luftdruck geringer. Das funktioniert in der Sport-Oase nicht, weil man sonst die Tür zu der 43-Quadratmeter-Kammer nur mit einem Riesenrumms öffnen könnte. Also wird ein Teil des Sauerstoffs durch Stickstoff ersetzt. Der wird im Moment noch teuer eingekauft, soll aber ab Mitte November in einem eigenen Technikraum selbst hergestellt werden. Nach Zetsches Vorstellung bekommen dann auch angehende Alpinisten die Möglichkeit, sich auf Expeditionen in dünner Luft vorzubereiten. So könnte der Weg auf den Kilimandscharo für manchen Hobby-Messner künftig über Moabit führen: ein paar Nächte im Fitnessraum – Höhenkrankheit ade. Wobei Gruppen deutlich günstiger wegkommen als einsame Wandersleute, denn ohne Aufsicht darf in der Sport-Oase niemand nächtigen.

„Wir können bis auf 4000 Meter hochfahren“, sagt Zetsche, wobei „hochfahren“ den dann auf rund zwölf Volumenprozent gesenkten Sauerstoffanteil meint. Solche „Höhen“ werden aber die Ausnahme bleiben; wichtiger ist die Kundschaft, die mit gleicher Trainingsleistung mehr erreichen will. Damit niemand überraschend umfällt, ist ein vorheriger Gesundheits-Check Pflicht. In dem bekommt man von Fachleuten gesagt, ob man voll in die Pedale treten darf oder besser mit einem Bummel über das Laufband beginnen sollte. Auch die Geräte sind inzwischen klug genug, um auf schwindende Kräfte der Athleten mit verringertem Widerstand zu reagieren. Die medizinische Leitung übernimmt eine aus Chile stammende Ärztin, die Jahre lang Spitzensportler in den Anden trainiert hat und jetzt an der FU forscht.

Neun Monate lang haben Zetsche und seine Leute an dem Höhenraum getüftelt, 125 000 Euro investiert und sich in Selbstversuchen vom Nutzen des Vorhabens überzeugt. 300 regelmäßige Kunden brauchen sie, damit es sich lohnt. Damit die Entscheidung fürs Höhentraining leichter fällt, gibt es bis Ende des Jahres die Zehnerkarte für 99 Euro. In den nächsten Tagen sollen außerdem ein Fernseher aufgestellt und die Wand über dem Pappmaché-Matterhorn himmelblau gestrichen werden. Wer dann immer noch nicht zufrieden ist, muss auch in Zukunft in die Berge fahren.

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