Der Tagesspiegel : Radfahrer kurbeln die Wirtschaft an

Gemeinden profitieren von gut ausgebauten Strecken. Das Wegenetz ist schon auf 2500 Kilometer gewachsen

Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Der Radtourismus in Brandenburg entwickelt sich zur Erfolgsgeschichte. Er lockt zahlungskräftige Touristen ins Land, steigert die Umsätze von Hotels und Pensionen und schafft neue Arbeitsplätze. Das zeigen Ergebnisse einer Umfrage der Industrie- und Handelskammern unter 200 Hotel- und Gaststättenunternehmern.

Demnach messen 91 Prozent der Betriebe den Radtouristen inzwischen eine große Bedeutung bei, fast zwei Drittel rechnen durch sie mit „deutlich steigenden Zuwachsraten“. Glücklich kann sich derjenige Hotelier schätzen, dessen Haus an einem gut ausgebauten Radweg liegt. Denn dort wird kein Personal abgebaut, sondern aufgestockt: 30 Prozent der befragten Betriebe wollen wegen der Radfahrer neue Mitarbeiter einstellen, 50 Prozent ihre Zahl wenigstens halten. Dabei plant jedes fünfte Brandenburger Hotel in diesem Jahr Entlassungen – aber die meisten von ihnen befinden sich fernab der Radwege.

Hinter dem Aufschwung des Radtourismus stehen aber auch nicht geringe Steuermittel. Seit 1996, als der Bau der ersten befestigen Radwege begann, sind zwischen Uckermark und der Niederlausitz rund 179 Millionen Euro vor allem von Bund und EU verbaut worden. Dazu kommen Mittel der Kommunen und des Landes. In diesem Jahr unterstützt Brandenburg den Radwegebau mit 3,24 Millionen Euro, wie Minister Frank Szymanski (SPD) in dieser Woche ankündigte.

Schon jetzt finden die Radler in Brandenburg ein 2500 Kilometer langes Streckennetz vor. Nur wenige Abschnitte davon stammen noch aus DDR-Zeiten. Überregionale Fernwege wie Berlin-Kopenhagen, der „Gurkenradweg“ durch den Spreewald oder Strecken entlang von Oder, Neiße, Spree und Elbe ziehen Gäste an, die sonst wenig Interesse an einem Urlaub in Brandenburg hätten. Das beste Beispiel ist der rund 70 Kilometer lange Abschnitt der Tour „Berlin-Kopenhagen“. Die Region zwischen Oranienburg, Mildenberg und Zehdenick galt vorher nicht als Urlaubsziel. „Tatsächlich kannten 30 Prozent der im Herbst auf dieser Strecke befragten 270 Radler unser Gebiet nicht“, sagt Bernd Krause, Chef des Tourismusverbandes Ruppiner Land. „Sie hatten von der guten Wegführung entlang alter Tongruben gehört und sich auf den Weg gemacht. 60 Prozent buchten eine Übernachtung und ein Viertel verband den Abstecher mit einer Kanutour.“

Ein Drittel der auf dem Radfernweg nach Kopenhagen befragten Personen hatte für sein Gefährt mehr als 700 Euro ausgegeben. Bei 38 Prozent lagen die Ausgaben noch bei 400 bis 700 Euro. „Wer ein so teures Rad besitzt, möchte es in den Hotels natürlich sicher unterstellen und es warten“, sagt Dieter Hütte, Geschäftsführer der Tourismus- Marketing Brandenburg GmbH. 200 radlerfreundliche Herbergen gebe es in Brandenburg bereits. Radwanderer würden im Schnitt 20 Prozent mehr als andere Touristen ausgeben.

Die Kritik der Unternehmer in der IHK-Umfrage konzentrierte sich auf mangelnde Verknüpfung einzelner Radwege, schlechte Ausschilderung, zu große Lücken im Netz und die Vernachlässigung einzelner Regionen. Zu ihnen gehören der Scharmützelsee und die Stadt Frankfurt (Oder): Hoffnung gibt es für die Uckermark. Am Montag beginnt in Herzsprung bei Angermünde der Bau eines 85 Kilometer langen Rundweges.

Und die Leser des Tagesspiegels können sich ab Mai auf die Vorstellung von acht neuen Radtouren im Berliner Umland freuen. Dann erscheinen auch die sechs Routen aus dem Vorjahr gebündelt in einem Buch mit ausführlichem Kartenmaterial.

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