Der Tagesspiegel : Rasende Disco als tödliche Falle

Sie hatten Autositze ausgebaut, um Platz zu schaffen für eine große Box. Die Fahrt zu sechst endete an einen Baum. Drei junge Menschen starben

Jörn Hasselmann

Neurochlitz. Sie wollten Musik hören, und das ganz laut. Im Auto. Nun sind drei der sechs jungen Menschen bei einem Unfall ums Leben gekommen. Um die große selbst gebaute Lautsprecherbox im Auto unterzubringen, wurden die hinteren Sitze des amerikanischen Vans ausgebaut und die Anschnallgurte gleich mit. Bei viel zu hoher Geschwindigkeit verlor der Fahrer dann am Sonntagmorgen um 4.45 Uhr auf der Bundesstraße 2 am Ortsausgang von Neurochlitz in der Uckermark die Kontrolle über den Wagen. Der Ford Galaxy streifte erst einen Baum und prallte dann frontal gegen einen zweiten. Dabei wurde das große Fahrzeug völlig zerstört, der 23-jährige Fahrer sowie ein 21-Jähriger und ein 17-Jähriger waren sofort tot. Ein 18-Jähriger und zwei junge Frauen im Alter von 20 und 21 Jahren erlitten schwerste Verletzungen. Der 18-Jährige wurde mittags in das Berliner Unfallkrankenhaus geflogen. Wie es dort hieß, werde der junge Mann vermutlich nicht überleben.

Polizei und Feuerwehr bot sich an diesem nebeligen und feuchten Sonntagmorgen nahe der Oder ein schreckliches Bild. Alle Insassen mussten von der Feuerwehr mit schwerem Gerät aus dem Fahrzeug geschnitten werden. Die Straße war sechs Stunden lang gesperrt. Wie es hieß, lasse sich nicht einmal mehr rekonstruieren, wer und ob überhaupt eine Person auf dem Beifahrersitz gesessen habe. Mindestens vier der jungen Leute hockten entweder auf dem Boden um die etwa 70 mal 40 mal 30 Zentimeter Box herum – aus der vermutlich die Musik wummerte. Bei Verkehrskontrollen in den klassischen „Disco-Nächten“ zu Sonnabend und zu Sonntag seien derartige riesige Lautsprecherkonstruktionen schon mehrfach gesehen wurden, sagte ein Beamter – dass die Sitze ausgebaut waren, sei aber neu. Die Angehörigen konnten der Polizei nicht sagen, wo die sechs Freunde waren oder wo sie hinwollten. Möglicherweise seien sie einfach nur stundenlang durch die Gegend gefahren, hieß es bei der Polizei.

Drei der Männer kommen aus einem Ort im Landkreis Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern, die beiden Frauen aus Schwedt, der 18-Jährige aus Gartz. Eine Blutprobe, die dem Fahrer entnommen wurde, soll nun klären, ob der 23-Jährige Alkohol oder Drogen konsumiert hatte. Er fuhr deutlich über 100 Stundenkilometer. „Wäre er langsamer gefahren, hätte er die Kurve gesehen“, sagte ein Beamter. Der schwarze Ford Galaxy sei erst drei Jahre alt gewesen.

Schon am Sonnabend früh war ein 19-Jähriger bei Sonnewalde (Kreis Finsterwalde) auf der B96 gegen einen Baum gerast. Auch dieser junge Mann war sofort tot. Angesichts dieser Unfälle mahnte Innenminister Schönbohm die Autofahrer, langsamer zu fahren.

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