Der Tagesspiegel : Raus aus der Blechbüchse, rein ins Theater

In Potsdam wurde der Grundstein für eine neue Spielstätte in der Schiffbauergasse gelegt – nach 60 Jahren Provisorium

Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Nach 60 Jahren Provisorium bekommt Potsdam nun ein richtiges Theaterhaus. Bis Mitte 2006 soll die neue Spielstätte des Hans-Otto-Theaters in der Schiffbauergasse fertig sein, am Dienstag wurde der Grundstein gelegt. Das alte Haus wurde in den letzten Kriegswochen zerstört, danach folgten nur behelfsmäßige Auftrittsorte. Der Neubau wird 24 Millionen Euro kosten und 465 Zuschauern Platz bieten.

Mit seinem mehrstufigen Schalendach öffnet sich das neue Haus wie mit einer einladenden Geste zur Havel und zum gegenüberliegenden Babelsberger Park. Der Entwurf stammt von Gottfried Böhm aus Köln. Zur Grundsteinlegung auf dem Gelände eines ehemaligen Gasometers und einer Wäscherei kam das halbe Brandenburger Kabinett zusammen: neben Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) auch die Ressortchefs für Kultur, Bauwesen und Bildung und mehrere Staatssekretäre. „In Zeiten knapper Kassen ist so ein Ereignis durchaus bemerkenswert“, meinte Platzeck. „Aber irgendwann muss die unendliche Geduld des Ensembles auch belohnt werden.“ Die Baukosten teilen sich Potsdam und das Land Brandenburg je zur Hälfte.

Schon 1947 hatte es Pläne zum Wiederaufbau des Potsdamer Schauspielhauses gegeben. Doch immer wieder fehlte das Geld. So blieb die ehemalige Tanzgaststätte „Zum alten Fritz“ in der Zimmerstraße jahrzehntelang der einzige Spielort. Anfang der fünfziger Jahre erhielt das Ensemble den Namen des Berliner Schauspielers, Kommunisten und Kollegen von Gustaf Gründgens „Hans Otto“. Der war im November 1933 an den Folgen der Misshandlungen durch die Nazis im Gefängnis gestorben. 1988 feierte Potsdam die Grundsteinlegung für einen Theaterneubau mitten auf dem Alten Markt. Doch mit der Wende kam der Baustopp. Der geplante Betonkasten stand allen Plänen für einen zu DDR-Zeiten unmöglichen Wiederaufbau des Schlosses im Wege. 1991 kam die Abrissbirne. Statt dessen eröffnete die „Blechbüchse“, wie der Volksmund die wenig einladende Halle aus Stahl nannte. Im Sommer bot sie tropische Temperaturen, während die Zuschauer und Schauspieler im Winter mit Decken anrückten.

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ließ es in seiner Rede am Dienstag an großen Visionen nicht fehlen. Die Schiffbauergasse werde mit dem Theater, dem Sitz des Softwareunternehmens Oracle und dem geplanten Design-Zentrum von VW zu einer „ersten Adresse“. Außerdem sei das neue Theater eine wichtige Station auf dem Weg zur „Kulturhauptstadt Europa 2010“.

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