Der Tagesspiegel : Razzien bei Nazi-Chefs

In Berlin und Brandenburg durchsuchte die Polizei gestern 29 Wohnungen und Büros – auch der NPD

Tanja Buntrock/Hannes Heine

Die Kapuze hatte er sich ins Gesicht gezogen, als Polizisten ihn am Donnerstag aus seiner Schöneberger Wohnung führten. Der Verdächtige wollte von Pressefotografen nicht erkannt werden. Wenige Minuten zuvor hatten Beamte im Rahmen einer bundesweiten Razzia gegen die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) sein Auto durchsucht und Tonträger mit rechtsextremem Liedgut gefunden. In Berlin wurden dabei 15 Objekte durchsucht, in Brandenburg waren es 14.

Wie der Tagesspiegel erfuhr, ist der Mann unter der Kapuze Eric K. aus Sachsen: Der rechte Versandhändler ist auf „Militär und Brauchtum“ spezialisiert. Schon in der 1994 verbotenen Neonazi-Truppe „Wiking Jugend“ war K. aktiv. Am Donnerstag wollte der Rechtsextremist offenbar kooperieren und den Beamten die Tür an einem anderen Zielort öffnen – damit sie sie nicht gewaltsam öffnen mussten. „Festgenommen wurde er nicht“, sagte ein Polizeisprecher. Die Ermittler hatten vor allem langjährige Neonazi-Funktionäre im Visier – auch von der NPD: So durchsuchten Beamte die Wohnung des Berliner Landesvorsitzenden der rechtsextremen Partei, Jörg Hähnel, die sich in der NPD-Zentrale in der Köpenicker Seelenbinderstraße befindet. Hähnel ist Bezirksverordneter in Lichtenberg.

Auch das Anwesen seiner Frau im brandenburgischen Mellentin und die Räume eines Bauunternehmers und NPD-Bundesvorstandsmitglieds bei Lüneburg in Niedersachsen sind nach Tagesspiegel-Informationen durchsucht worden. Ebenso sollen sich Polizisten in den Morgenstunden Zugang zum Haus eines Juristen im Oberhavelkreis verschafft haben, der regelmäßig Neonazis vertritt. Unbestätigten Angaben zufolge handelt es sich dabei um den Anwalt Wolfram N. aus Birkenwerder.

Kern der Razzia war jedoch offenbar Berlin: In Zehlendorf drangen Beamte in eine Wohnung ein – das dort wohnende Paar soll im Bundesvorstand der Organisationen tätig sein. Wie der Tagesspiegel erfuhr, soll ein weiterer HDJ-Funktionär in Lichtenberg betroffen sein. Ziel der Aktion war es, Gründe für ein mögliches Verbot des Vereins zu sammeln. Über etwaige Beweismittel, die beschlagnahmt wurden, machten die Behörden gestern keine Angaben. Insgesamt wurden bundesweit mehr als 80 Objekte und etwa 100 Personen durchsucht. Die HDJ hat nach Expertenauskunft mehrere 100 Mitglieder aller Alterstufen – Zielgruppe für die Ferienlager des Vereins sind aber Kinder und Jugendliche.

Ob in den kommenden Tagen Proteste der rechten Szene zu erwarten sind, ist noch unklar. Frank Schwerdt, NPD-Bundesvorstandsmitglied, sagte: „Verbotsdrohungen sind ungeeignet, junge Leute für den Staat zu begeistern.“ Ob seine Partei gegen die Razzia protestieren werde, wisse er noch nicht. Vor bekannten Treffpunkten von Berliner Neonazi-Kameradschaften patrouillierten am Donnerstag Polizeiwagen. Linke Gruppen befürchten für die kommenden Wochen aber gesteigerte Aktivitäten in Neonazi-Kreisen: „Das wird ein heißer Herbst.“ Tanja Buntrock/Hannes Heine

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