Rechter Angriff in Halberstadt : "Zu langsam und völlig überfordert"

Ein Opfer des rechtsextremen Überfalls auf eine Theatergruppe in Halberstadt hat in seiner Vernehmung schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Trotz sichtbarer Verletzungen wurde zunächst kein Krankenwagen gerufen. Auch die Täter wurden nicht verfolgt.

Torsten Landsberg[ddp]

Magdeburg/Halberstadt Im Prozess um den Überfall auf eine Theatergruppe in Halberstadt sind die ersten Zeugen gehört worden. Vor Gericht schilderten die beiden zu der Theatergruppe gehörenden Männer, wie sie in der Nacht zum 9. Juni nach einer Premierenfeier von den Neonazis angegriffen wurden. Fünf der 14 Schauspieler und Tänzer waren dabei teils schwer verletzt worden. Vier Angeklagte müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

In der Verhandlung belastete eines der Opfer, das mit einer Nasenfraktur vier Tage lang im Krankenhaus behandelt und operiert werden musste, den 22-jährigen Hauptangeklagten. Dieser sei ohne Vorwarnung auf ihn zugekommen, habe sich dann aber plötzlich weggedreht und einem neben ihm stehenden Tänzer ins Gesicht geschlagen. Er selbst habe unmittelbar danach von einem weiteren Angreifer, den er nicht identifizieren konnte, einen Schlag auf die Schläfe bekommen und einen Blackout erlitten. An den weiteren Tathergang könne er sich daher nur bruchstückhaft erinnern.

Im Anschluss sagte der Tänzer des Ensembles aus, der in der Nacht zum 9. Juni als Erster angegriffen worden war. Der Hauptangeklagte habe ihm völlig unvermittelt ins Gesicht geschlagen, daraufhin sei er blutend zurückgetaumelt. Er habe Platzwunden an Ober- und Unterlippe erlitten, die mit mehreren Stichen genäht werden mussten. Im weiteren Verlauf habe er gesehen, dass "schwarze Gestalten" auf die anderen Theaterleute eingeschlagen und -getreten hätten. Die anderen drei Angeklagten konnte er nicht identifizieren.

In seiner Aussage kritisierte der 22-Jährige das Verhalten der Polizeibeamten, die als Erste am Tatort eingetroffen waren: "Sie haben zu langsam gehandelt und waren völlig überfordert", sagte er. Die Beamten hätten die Gruppe der Opfer nach deren Personalien befragt, statt angesichts der deutlich sichtbaren Verletzungen einen Krankenwagen zu rufen oder den Angreifern zu folgen.

Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil die Polizei nicht auf die Hinweise der Opfer reagiert hatte und schließlich den mutmaßlichen Hauptverdächtigen, einen stadtbekannten und einschlägig vorbestraften Rechtsextremen, laufen ließ. Zum Prozessauftakt am Dientag hatte dieser eingeräumt, einen der Schauspieler geschlagen zu haben. Die anderen drei Angeklagten schwiegen zu den Vorwürfen. (mit ddp)