Der Tagesspiegel : Rechtsextremismus: Schulleiter stellt Schulbesuch frei

Claus-Dieter Steyer

Die Angst vor einem Überfall einer größeren rechtsradikalen Jugendbande auf die Grund- und Gesamtschule Schönwalde hat den Ort an der westlichen Berliner Stadtgrenze bei Spandau gestern in helle Aufregung versetzt. Mehrere Polizeistreifen sicherten seit den früheren Morgenstunden das Gelände und bezogen Posten an der Zufahrtsstraße zu dem Gebäude. In den meisten Klassen blieben viele Plätze leer. Aus Sorge um die Sicherheit hatten zahlreiche Eltern eine Teilnahme ihrer Kinder am Unterricht untersagt. Andere brachten die Sprösslinge persönlich zur Schule und holten sie dort auch wieder ab.

Drei Schüler einer höheren Klassenstufe hatten dem Schulleiter von dem angeblich bevorstehenden Überfall auf den Schönwalder Plattenbau berichtet. Dieser unterrichtete sofort die Polizei. "Schon seit drei Wochen wissen wir vom geplanten Angriff auf unsere Schule", sagte Anja Ruderisch aus der 8. Klasse. "Mit 40 Autos wollten die vorfahren und dann losstürmen." In allen Gesprächen über das Thema sei der 8. November als Tag des Überfalls genannt worden. Dahinter sollten wohl Rechtsradikale oder Glatzen stehen. So lautete das Gerücht.

Auf die Frage, warum ausgerechnet dieser Tag für einen möglichen rechtsextremistisch motivierten Überfall in Frage kommen könnte, zuckten die meisten Schüler mit den Schultern. Nur ein Junge verwies auf den 9. November. Da sei doch das mit den "Juden passiert". Erst jetzt wurde wohl den bislang so abgeklärt auftretenden Jugendlichen der Ernst der Lage bewusst.

"Die Polizei nimmt so eine Drohung sehr ernst", erklärte Hauptkommissar Jörg Wunderlich, Leiter der Wache im benachbarten Falkensee. "Wir wollen mit unserer Präsenz den möglichst normalen Unterrichtsbetrieb sichern." Deshalb blieben die Posten bis zum Ende des Schultages in Schönwalde präsent.

Wenig Glauben schenkte der Sprecher des zuständigen Oranienburger Polizeipräsidiums, Rudi Sonntag, den in Schönwalde kursierenden Berichten. Der Schulleiter habe mit seiner Information an die Eltern "wohl etwas vorschnell gehandelt". In einem Schreiben hatte es der Direktor den Eltern freigestellt, ob sie ihre Kinder am gestrigen Mittwoch in die Schule schicken. "Radikale Jugendliche", so hieß es darin, hätten einen Überfall angekündigt. "Als ich am Abend mit einer Lehrerin telefonierte, sprach sie nicht von radikalen Jugendlichen, sondern von rechtsradikalen", berichtete ein Vater. Rechtsradikale hätten die Drohung ausgesprochen.

Nach Angaben des Polizeisprechers seien in der Zeit vom 18. bis 24. Oktober "fünf bis sechs derartige Gerüchte" im nordwestlichen Berliner Umland bekannt geworden. Zu den Orten gehörten Leegebruch, Hennigsdorf und Velten. In keinem Fall wäre es zu einem Angriff auf Schulen gekommen. Die Polizei sei in der Lage, solche Gefahren zu unterbinden. Außerdem gebe es in den Kreisen Oberhavel und Havelland keine festgefügten rechtsradikalen Strukturen großen Ausmaßes. "Die Zahl von 40 Pkw, mit denen der Angriff angeblich organisiert werden sollte, gehört auf jeden Fall ins Reich der Fantasie." Eine politische Motivation der Drohungen schließe die Oranienburger Polizei nachdrücklich aus, sagte Sonntag. Fachleute für die Beurteilung des Rechtsextremismus in Brandenburg zählen Hennigsdorf und Velten - beide Orte liegen in der Nähe von Schönwalde - allerdings nach wie vor zu den Schwerpunkten der Szene.

Viele Eltern, von denen die meisten erst in den vergangenen Jahren aus Berlin nach Schönwalde gezogen waren, vertrauten wohl auch deshalb nicht allein der Polizei. Einige Mütter und Väter blieben während des ganzen Unterrichtstages im Schulgebäude. Kaum ein Grundschüler trat gestern nach Schulschluss allein den Heimweg an. Blitzschnell hatten Eltern offenbar die gegenseitige Aufsicht auf die Kinder organisiert. "Bei uns blieb die halbe Klasse gleich ganz zu Hause", sagte David Schalow aus der 8. Klasse.

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