Rechtsextremismus : Zwei Jahre Haft für Überfall auf Jugendcamp

Überfall auf linkes Jugendcamp: Sieben junge Männer schleichen sich in der Nacht in das Lager und prügeln auf schlafende Jugendliche ein. Ein Gericht hat die Tat am Montag als "sittlich auf niedrigster Stufe" eingestuft.

Chris Melzer[dpa]

Kassel Der 19 Jahre alte Gewalttäter bleibt unbeteiligt, bis zuletzt. Auch als der Richter ihm eröffnet, dass er für mehr als zwei Jahre ins Gefängnis muss, blickt der junge Mann aufmerksam, freundlich, aber auch ein bisschen so, als ginge es nicht um ihn. Das Kasseler Landgericht verurteilt ihn am Montag zu zwei Jahren und drei Monaten Haft für den Überfall auf ein linkes Jugendcamp in Nordhessen, bei dem er unter anderem auf eine 13-Jährige einschlug.

Der Tathergang ist kaum umstritten: Sieben junge Männer hatten an einem Samstagabend im Juli Bier, Apfelwein-Cola und zum Schluss noch Jägermeister "auf Ex" getrunken, dann beschlossen sie, "die Linke aufzumischen". Dazu fuhren sie zu einem Zeltplatz am Neuenhainer See, wo gerade "Solid", die Jugendgruppe der Partei "Die Linke" zeltete. Das wussten die Täter, weil sie sie schon zuvor ausspioniert hatten.

SMS: "Mann, war das geil"

Die sieben jungen Männer - alle in einem Auto und ein Kasten Biermix passte auch noch rein - warfen erst einmal Heckscheiben und Rücklichter von Autos ein und klauten ein Transparent. Dann stiegen zwei über den 2,50 Meter hohen Zaun, irgendwie hatte der 19-Jährige Kevin S. dann eine Glasflasche und einen Klappspaten in der Hand. Das erste Zelt mied er - es war einsehbar. Im nächsten schlug er mit Flasche und der flachen Seite des Spatens auf zwei Schlafende ein. Fünf, sechs Schläge. "Mann, war das geil", sollte er später einem Freund per Kurznachricht mitteilen.

Da lag die 13 Jahre alte Sophia-Lina schon mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus. Während ihr zehn Jahre älterer Halbbruder mit ein paar Prellungen und Schürfwunden davongekommen war, hatte das Mädchen schwere Kopfverletzungen. "Sie leidet seitdem manchmal unter Angstzuständen", sagt ihr Vater.

"Wir sind doch alle Sozialisten"

Als der Täter vom Alter des Mädchens hörte, legte er bei der Polizei ein Geständnis ab. Das habe er nicht gewollt, es tue ihm leid, entschuldigt er sich im Prozess bei beiden Opfern. Eigentlich wollten doch Links- und Rechtsradikale das gleiche, "wir sind doch alle Sozialisten". Der Bruder hatte es mit einem Schulterzucken hingenommen, sein Anwalt findet die Ausreden "etwas zu glatt". "So spricht eigentlich kein 19-Jähriger." Tatsächlich hatte der junge Mann zugegeben, dass "sie" ihn und seine Kumpane geschult hätten, wie sie sich vor Gericht zu verhalten hätten. Wer "sie" sind, sagt weder er noch sein Verteidiger, der vor einem Jahr noch auf Platz zwei der NPD-Landesliste stand.

So ganz nimmt ihm auch das Gericht die Geschichte nicht ab, vor allem nicht den Teil mit dem Alkohol. Er habe sich maskieren, den 2,5 Meter hohen Zaun überwinden und sein Ziel sorgfältig aussuchen können. "Das ist überlegtes Handeln. Eine Enthemmung durch Alkohol war ohne Zweifel da, eine erhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit aber nicht." Zwar habe sich der Angeklagte in der Untersuchungshaft "positiv entwickelt" und einem Täter-Opfer-Ausgleich zugestimmt. Eine wirkliche Distanzierung wird aber vermisst. "Für ihn war es eine Art Kriegsspiel", sagt der Richter.

Verurteilt wird der 19-Jährige schließlich wegen zweifacher gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung. Eine Verurteilung wegen versuchten Mordes lehnte das Gericht ab. Er habe nicht mit aller Kraft zugeschlagen, Hinterlist und Vorsatz seien nicht bewiesen. Der Verteidiger weiß noch nicht, ob sein Mandant in Revision geht. Auch die Anwälte der Opfer waren noch unentschieden, ob sie eine Verurteilung wegen versuchter Tötung erwirken sollten.