Der Tagesspiegel : Regen allein reicht nicht mehr

Wissenschaftler schlagen Alarm: Die Niederschlagsmengen sind zu gering – das Grundwasser versalzt. Und in den Gewässern droht ein Fischsterben

Claus-Dieter Steyer

Lehnin - Der Vergleich mit dem Pflanzenbuch ließ keinen Zweifel offen: In der Nähe von Lehnin bei Potsdam blühen Strandastern. Doch Strandastern benötigen salzigen Boden und wo soll mitten in der Mark das Salz herkommen?

Der Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes, Professor Matthias Freude, klärt auf. Er zeigt in seinem Arbeitszimmer eine Landkarte mit der schlichten Überschrift „Versalzung“. Darauf sind fast 60 Stellen mit schwarzen und hellen Dreiecken markiert. „Hier haben wir Salzstellen nachgewiesen“, sagt Professor Freude. Experten genügt dafür schon ein Blick auf die Vegetation. Neben den bekannten Strandastern wachsen im Binnenland „ziemlich unmotiviert“ Meeresstrand-Dreizack, SalzBinse, die Gemeine Strandsimse oder das Strand-Milchkraut. Besonders häufig kommen diese in südwestlich und südlich von Berlin gelegenen Regionen vor.

Doch was der Spaziergänger noch als Rarität am Wegesrand empfinden könnte, treibt den Wissenschaftlern die Sorgenfalten ins Gesicht. Durch die zurückgehenden Niederschlagsmengen sinkt der Grundwasserstand. Damit nimmt der Druck auf das in etwa drei Kilometer Tiefe in porösem Gestein seit 100 Millionen Jahren eingeschlossene Salzwasser ab. Grund- und Salzwasser trennt zwar eine 100 und 300 Meter dicke Rupeltonschicht, aber die ist stellenweise während der letzten Eiszeit verletzt worden. Vor allem in der Nähe von Potsdam sowie südlich und südwestlich davon sowie vereinzelt in der Prignitz und in der Uckermark ist dieser Ton beschädigt. Durch diese Löcher bahnt sich das bittere Wasser den Weg nach oben. „Bislang stellte das kein Problem dar“, erklärt der Chef des Landesumweltamtes. „Aber wenn die Masse und damit der Druck des Grundwassers weiter abnimmt, könnten wir ernste Probleme bekommen.“

Die weitere Versalzung des Grundwassers an bestimmten Stellen hängt vor allem von der weiteren Entwicklung des Wetters ab. Internationale Experten sagen für die Jahre bis 2055 eine weltweite Erwärmung um rund 1,4 Grad Celsius voraus. Für Brandenburg müsse mindestens noch ein halbes Grad dazugerechnet werden, meint das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Außerdem gingen die ohnehin niedrigen Niederschlagsmengen im Jahresdurchschnitt noch um 25 und 150 Millimeter zurück.

Nach Berechnungen des Instituts sind der Südosten und Nordosten des Landes besonders betroffen. Doch in ganz Brandenburg nimmt die Sonnenscheindauer zu und die Bewölkung ab. Dank der zumindest örtlich ergiebigen Regenfälle im Juli konnte der Rückgang des Grundwassers erstmals seit Monaten gestoppt werden. „Aber im Moment sehe ich keine Chancen, das in den trockenen Sommern der vergangenen Jahre entstandene Defizit auszugleichen“, meint Professor Freude. Jetzt helfe auch Regen nicht, es sei denn es käme zu tagelangen starken Niederschlägen. Deshalb müsse alles getan werden, um die Landschaft „wieder zum Schwamm zu machen“. Dazu gehöre der Umbau des Nadel- zum Mischwald ebenso wie die Verkleinerung der Flussbette. Zunächst aber baut das Umweltamt landesweit Messstellen auf, die jede weitere Versalzung registrieren sollen.

Eine weitere Hiobsbotschaft in Sachen Trockenheit kam gestern aus Polen: Laut Presseberichten hat die anhaltende Hitze in Brandenburgs Nachbar-Wojewodschaft Lebuser Land zu einem massenhaften Fischsterben geführt. Mehrere Flüsse und Seen sind betroffen. In einem Abschnitt der Obra, die in die Oder mündet, rund 60 Kilometer östlich von Küstrin, vermodern Tausende tote Fische, der Gestank soll unerträglich sein. Wegen der gesundheitlichen Gefahren sind schon einige Badeabschnitte gesperrt worden.

Die Fische sterben an Sauerstoffmangel. „Das kann jederzeit auch in brandenburgischen Seen und Flüssen geschehen“, sagt Professor Freude: „Besonders die Spree und die stehenden Gewässer sind derzeit akut gefährdet.“

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