Der Tagesspiegel : Regine Hildebrandt: Ab und zu ein "Dankeschön"

Michael Mara

"So viel Lob habe ich noch nie gehört", gesteht Regine Hildebrandt beim Empfang der märkischen SPD aus Anlass ihres 60. Geburtstages gerührt. An die 500 Personen drängen sich im Potsdamer Nikolaisaal, um der populärsten deutschen Sozialdemokratin die Ehre zu erweisen. Auch zwei CDU-Größen sind gekommen, treten sogar ans Rednerpult, obwohl Hildebrandts Verhältnis zumindest zur märkischen Union als gestört gilt. "Es gibt eine Menschennähe, die stärker ist als Parteiunterschiede", begründet Rita Süssmuth ihr Kommen. Und Norbert Blüm, ein alter politischer Widersacher, betont: "Zum harten politischen Geschäft gehört ab und zu auch ein Dankeschön."

Merkwürdigerweise ist kein PDS-Politiker im Saal, obwohl Hildebrandts Affinität zu Politikern dieser Partei bekannt ist. Es stellt sich heraus, dass PDS-Landeschef Ralf Christoffers einen Blumenstrauß überreichen wollte, aber von den Sicherheitsleuten am Eingang abgewiesen wurde.

In Brandenburgs Geschichte gebe es keine andere Frau, die das Land so geprägt und Brücken geschlagen habe wie Hildebrandt, beginnt SPD-Landeschef Matthias Platzeck seine Lobeshymne. Manfred Stolpe spinnt den Bogen weiter: Hildebrandt sei unersetzbar, unverwechselbar, eine Institution. Vor anderthalb Jahren, als die SPD-Ikone nach der verpatzten Landtagswahl eine Koalition mit der PDS forderte und schließlich ihre politischen Ämter hinwarf, waren noch andere Töne aus der SPD zu hören: Es reiche nicht mehr, mit dem Verbandsköfferchen durchs Land zu ziehen, hielt ihr etwa Staatskanzlei-Chef Rainer Speer vor, einer der Strippenzieher der Großen Koalition. Andere Genossen warfen ihr gar parteischädigendes Verhalten vor.

Insofern sei der Geburtstagsempfang, so ein SPD-Mann, "als späte Versöhnungsfeier" zu verstehen. Stolpe hebt hervor, dass Hildebrandt nach dem Verzicht auf ihre politischen Ämter etwas Ungewöhnliches geschafft habe: Sie sei heute "bekannter als je zuvor". Ein Grund ist, darauf weist der Kanzler hin, der offene Umgang mit ihrer Krankheit: Damit habe sie vielen Menschen Hoffnungen gemacht. Schröder gesteht, dass er Hildebrandts Rat "nicht immer freiwillig" empfangen habe. "Erst ärgert man sich, dann beginnt man nachzudenken und andere besser zu vestehen." Hildebrandt habe Respekt vor den Lebensleistungen der Menschen im Osten gelehrt. Sie solle bloß nicht weich werden, sagt er ihr beim Abschied.

Hildebrandt erzählt in ihrer Dankesrede vom schweren Anfang ihrer Familie nach 1945, wo alles geteilt werden musste, und vom Erfindungsreichtum in den Jahren der DDR-Mangelwirtschaft. "Das prägt." Aber sie wäre nicht Hildebrandt, wenn sie an ihre bunten Anekdoten nicht noch eine politische Botschaft knüpfen würde: Es sei noch enorm viel für die deutsche Einheit zu tun, vor allem für die Angleichung der Lebensverhältnisse.

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