Der Tagesspiegel : Regine Hildebrandt: Nicht zu stoppen

Sandra Dassler

Alle warten auf Regine Hildebrandt. "Sie ist unterwegs", versichert Petra Pau den etwa zwei Dutzend Gästen der Jazzkneipe "Flöz". Die Berliner PDS-Vorsitzende will an diesem Mittwochabend mit der ehemaligen brandenburgischen Sozialministerin über "Berlin-Brandenburger Perspektiven" diskutieren. Aber von Woltersdorf in Brandenburg bis nach Wilmersdorf in Berlin ist es ein weiter Weg. Da bleibt genügend Zeit für Spekulationen in der halbdunklen, rauchgeschwängerten Kneipe: "In letzter Zeit hat man weniger von ihr gehört", sagt eine Frau zu ihrer Tischnachbarin: "Es ist erstaunlich, dass sie trotz ihrer schweren Krankheit solche Termine wahrnimmt. Ob sie noch genauso ist wie früher?"

Dann kommt Regine. Unüberhörbar. "Ist ja ein tolles Ambiente hier", ruft sie munter in die Runde: "Ein Glück, dass wir heute nicht über Gesundheitspolitik reden. Bei dem Rauch." Die Gäste stellen das Rauchen ein. Und Regine beginnt zu reden. Dass sie von Haus aus überzeugte Pazifistin sei. Dass ihr Mann in der DDR im Knast war, "weil er als Bausoldat nicht mal Schießplätze bauen wollte". Dass ihr Sohn den Wehrkundeunterricht boykottierte. Aber diese furchtbaren Terroranschläge gegen die USA - nein, dagegen muss man sich gemeinsam wehren. Auch mit militärischen Mitteln, die natürlich mit Maßnahmen einhergehen müssen, um dem Terrorismus auf Dauer die Wurzeln zu entziehen: "Die Leute in der Dritten Welt brauchen Perspektiven. Da kann man nicht immer als Erstes die Entwicklungshilfe kürzen." Jedenfalls war es richtig, den Bündnisfall zu beschließen. In diesem Punkt widerspricht Petra Pau vehement - das einzige Mal an diesem Abend. Denn die beiden Frauen kommen tatsächlich noch zu ihrem Thema, plaudern über die gescheiterte Fusion zwischen Berlin und Brandenburg, die Fehler, die dabei begangen wurden und darüber, was man bei einem erneuten Anlauf besser machen müsste.

Die Zuschauer stellen einige Fragen, um die eigentlich schon herumgeredet wurde. Trotzdem schafft es Regine Hildebrandt, sich in Rage zu steigern. Ihre Faust hüpft in kleinen Sprüngen über den runden Holztisch auf dem Podium - und alle kriegen ihr Fett ab: der Berliner Filz ebenso wie der "General Schönbohm" und die Große Koalition in Brandenburg. Petra Pau lächelt halb verlegen, halb nachsichtig. Regine Hildebrandt ist nicht zu stoppen: Solche Plakate, von wegen SPD-PDS und Verrat an der Vergangenheit, seien eine Un-ver-schämt-heit, sie kenne einen, der habe schon 1952 für eine Blockpartei in der Volkskammer gesessen und der sei jetzt Bundestagsabgeordneter: "Die sollen doch nicht so tun, die von der CDU und FDP."

Für Regine Hildebrandt hat an diesem Abend der Berliner Wahlkampf begonnen. Und sie wird sich in den nächsten Wochen nicht schonen: "Ich kämpfe für die SPD, für Klaus Wowereit", sagt sie nach Ende der Diskussion, "aber auch für mehr Akzeptanz der PDS. Nur: für den Gysi ist die Zeit einfach noch nicht reif. Dass der Oberbürgermeister der Hauptstadt wird, kann man nach außen einfach nicht vermitteln." Dann drückt Regine Hildebrandt einem Ehepaar die Hände, das sich mit "wir sind uralte Wilmersdorfer Sozis" vorstellt und fährt zurück. Nach Brandenburg.

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