Der Tagesspiegel : Regine Hildebrandt: Trauer um eine couragierte Kämpferin

Claus-Dieter Steyer

Vor dem Wohnhaus von Regine Hildebrandt in Woltersdorf liegen schon am frühen Morgen die ersten Blumen. "Ich habe die Nachricht gerade im Radio gehört", sagte eine Frau aus der Nachbarschaft. "Ich bin sehr traurig." Andere Menschen verbergen ihre Tränen nicht. "Wir wussten natürlich von der schweren Krankheit, aber sie war auf dem SPD-Parteitag noch so aktiv", meinte ein Mann, der einen Kranz mit der Aufschrift "Letzter Gruß" an das Gartenzauntor hängt. Hier am Woltersdorfer See lebte Regine Hildebrandt mit der ganzen Familie unter einem Dach. Bis vor einigen Wochen schwamm sie im Teich noch regelmäßig ihre Runden.

In der Erinnerung an Regine Hildebrandt bleibt vor allem ihre Rastlosigkeit. "Die Ministerin verspätet sich", lautete ein Standardsatz bei vielen Terminen in Brandenburg. Denn sie schaffte es auf ihren unzähligen Touren durchs Land fast nie, den von ihrem Bürochef ausgetüftelten Zeitplan einzuhalten. "Ick quatsche eben so viel mit den Leuten", meinte sie dann. Etwa bei der Eröffnung eines Seniorenheims, wo sie die Pensionäre erst lange warten ließ, und dann mit der Feststellung schockierte, dass "uns Gauner von drüben abzocken" wollten: "Kassieren Fördermittel für ein Altenpflegeheim im Brandenburger Norden und stecken das Geld in die Sanierung ihres Stammhauses am Rhein." Dann redet sie sich erst in Rage über die neuen Ungerechtigkeiten, um danach lächelnd hinzuzufügen, dass natürlich niemand die alten Zeiten zurück wolle.

In einem Heim für psychisch Kranke durchbrach sie das Protokoll und bat zwei zufällig ausgesuchte ältere Damen, doch einmal ihr Zimmer zu zeigen. Diese reagierten zwar etwas überrascht. Aber in ihrer burschikosen Art hakte sie die beiden Frauen einfach unter und entschwand mit ihnen in einem Seitenflügel. Die Presse blieb draußen. Wenig später kehrte sie mit ernster Miene zurück. Unhaltbare hygienische Zustände in einem Massenschlafsaal herrschten hier. "Das müssten die im Westen einmal sehen. Dann würden sie unseren Nachholebedarf verstehen." Eisern setzte sie als Ministerin ihr Programm für den Neubau von Heimen für psychisch Kranke und Senioren durch.

Unvergessen bleiben ihre Auftritte auf der Grünen Woche in Berlin. In der Brandenburg-Halle fühlte sie sich wohl, da war sie für jeden Scherz zu haben. Sie setzte sich für einen guten Zweck sogar mit Manfred Stolpe auf eine Waage. Doch während sich der Ministertross meist noch von einer Leckerei zur anderen schob, war Regine Hildebrandt schon im Gespräch mit Frauen vom Lande vertieft. Arbeitslosigkeit, vergebliche Lehrstellensuche, Nichtanerkennung des Berufsabschlusses, Abwanderung in den Westen, Auseinanderreißen der Familie, Gleichgültigkeit lauteten einige Stichworte. Als bei einer Frau Tränen über das Ende einer ABM-Stelle rollten, versprach die Ministerin nichts. Aber jeder konnte sicher sein, dass sie sich den Fall merken würde. Später sagte Regine Hildebrandt, dass sie gerade aus solchen Begegnungen ihren Antrieb für die tägliche Arbeit und die oft bewunderten Auftritte in Fernsehtalkshows gewinne.

Vor einigen Wochen spazierte Regine Hildebrandt mit einem Enkelkind um den See in Woltersdorf. Sie wurde auf der Promenade von den Menschen natürlich erkannt. Doch sie hielten sich zurück, keiner bestürmte und störte das Paar. "Danke für alles", sagte jemand unüberhörbar.

Die Landesregierung legt im Potsdamer Sozialministerium (Heinrich-Mann-Allee 103) ein Kondolenzbuch aus. Einträge sind heute, Donnerstag und Freitag jeweils zwischen acht und 19 Uhr sowie am Samstag von neun Uhr bis 14 Uhr möglich. Die Brandenburger SPD legte in allen Geschäftsstellen ebenfalls Kondolenzbücher aus. Auch im Internet gibt es ein Kondolenzbuch auf der Homepage www.regine-hildebrandt.de

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