Regionalliga : Aufsteigen, um drinzubleiben

Die Regionalligen erwarten einen verschärften Wettbewerb um die Qualifikation für die neue Dritte Liga. In den Oberligen können nur die jeweils ersten vier Mannschaften die Klasse halten.

Stefan Hermanns

BerlinAls eigentlich alles zu spät war, hat der Bonner SC einen letzten Versuch gestartet und sich mit einem Brief an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) gewandt. Der Klub spielt in der Oberliga Nordrhein, und für die kommende Saison fehlt ihm etwas ganz Wesentliches: die Möglichkeit aufzusteigen. „Wir haben uns erlaubt, den DFB auf dieses Problem hinzuweisen“, sagt Bernd Lehmann, der stellvertretende Vorsitzende des Bonner SC – mit der Bitte, doch noch eine Aufstiegsmöglichkeit zu schaffen. Erfolg wird dieser Vorstoß nicht haben. Beim Verband heißt es, der Antrag der Bonner werde nicht behandelt. Schließlich sei die Reform der Amateurklassen längst vom Bundestag des DFB beschlossen worden.

Die heute beginnende Saison ist die letzte, die nach altem Modus ausgetragen wird. In der nächsten wird alles anders, und gerade das macht die aktuelle Spielzeit so brisant. Es geht um die Qualifikation für die neue dritte Profiliga im deutschen Fußball. 37 Regionalligisten im Norden und Süden bewerben sich um vier Plätze in der Zweiten und 16 in der neuen Dritten Liga. Im Umkehrschluss heißt das: 17 Klubs steigen in die Viertklassigkeit ab. Man könnte auch sagen: Es geht um alles oder nichts.

Weil es statt 37 Drittligisten künftig nur noch 20 gibt, kann jeder Verein mit wesentlich höheren Fernseheinnahmen rechnen: Statt 375 000 Euro in dieser Saison sind es in der nächsten 650 000. Die Viertligisten hingegen erhalten dann nur noch 130 000. „Alle 19 Vereine starten mit dem Ziel, unter die ersten zehn zu kommen“, sagt Wolf Werner, der neue Manager des Nord-Regionalligisten Fortuna Düsseldorf. Im Süden unterscheiden sich die Ambitionen nicht wesentlich davon. Der „Kicker“ hat unmittelbar vor dem Saisonstart alle 37 Trainer aus Nord und Süd befragt, wo ihre Mannschaft landen werde. Nur zwei – Willi Kronhardt vom VfL Wolfsburg II und Uwe Wolf von 1860 München II – sprechen nicht explizit von einem Platz unter den ersten zehn.

Angesichts dieser extremen Konkurrenzsituation erwarten viele einen selbstmörderischen Wettstreit. Die Vereine beäugen sich voller Misstrauen, und dass der Berliner Regionalligist 1. FC Union fünf Mitarbeiter der Geschäftsstelle entlassen und den Etat für die Nachwuchsarbeit um 150 000 Euro gekürzt hat, ist ein Indiz dafür, dass der Verein volles Risiko geht. Auch deshalb hat der DFB die Lizenzunterlagen in diesem Jahr besonders intensiv geprüft. Auffälligkeiten habe man nicht festgestellt, sagt Willi Hink, der DFB-Direktor für den Amateursport.

Dass es in dieser Saison ernst wird, wissen die Vereine bereits länger. Entsprechend früh haben sie sich auf darauf vorbereitet. „Die Etats der Regionalligisten sind schon in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen“, sagt Hink. In der Vorsaison war im Norden eine erstaunliche Leistungsdichte festzustellen. Noch kurz vor Schluss hatten 14 Vereine die Chance aufzusteigen, in diesem Jahr wird es kaum anders sein, zumal es nicht nur um zwei, sondern um zehn Aufstiegsplätze geht.

Der große Wahnsinn auf dem Transfermarkt ist bisher trotzdem ausgeblieben, auch wenn es einige prominente Neuzugänge gibt. Andreas Neuendorf ist von Hertha BSC zum FC Ingolstadt gewechselt, der FC Bayern hat als Leitfigur für seine U 23 Vizeweltmeister Thomas Linke aus Salzburg zurückgeholt, und Fortuna Düsseldorf konnte den Belgier Axel Lawarée vom FC Augsburg verpflichten, obwohl sich auch Alemannia Aachen um den drittbesten Torschützen der vergangen Zweitligasaison bemüht hat. Für Lawarée, der zurück in die Nähe seiner Heimat wollte, gingen die Düsseldorfer sogar von ihrem Prinzip ab, nur ablösefreie Spieler zu holen. Ohne zusätzliche Unterstützung ihrer Sponsoren hätte Fortuna diesen Deal allerdings nicht stemmen können. Ohne die Hilfe ihres Aufsichtsratsmitglieds Reiner Calmund wohl auch nicht. Calmund nutzte seine guten Kontakte zu Augsburgs Manager, seinem ehemaligen Lehrling Andreas Rettig.

„Wenn alles stimmt, was man hört, klingt das bis jetzt sehr vernünftig, was die Vereine treiben“, sagt Fortunas Manager Wolf Werner, der Ende der Achtzigerjahre als Trainer von Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga gearbeitet hat. Die Gefahr, dass die Klubs überdrehen, sieht Werner derzeit nicht, „weil jetzt noch alle glauben, dass sie die richtigen Spieler verpflichtet haben“. Im Winter, wenn sich bei den ersten Vereinen abzeichnet, dass sie das Ziel wohl nicht erreichen, könnte das anders aussehen. Viele fürchten, dass spätestens dann die wirtschaftliche Vernunft verloren geht. „Wenn die Vereine in der Winterpause noch nachlegen wollen, müssen sie wissen, wie sie es finanzieren wollen“, sagt Willi Hink. Und sie müssen wissen, dass der DFB ganz genau hinschauen wird.