#RegrettingMotherhood : Wie eine kleine Studie zum Medienhype wurde

Um 23 "bereuende Mütter" ging es in einer Untersuchung der israelischen Wissenschaftlerin Orna Donath, um nicht einmal zwei Dutzend Frauen, die unter ihrer Rolle als Mutter leiden. Die Studie schaffte es dennoch bis ins „heute-journal“. Ein Lehrstück über die Macht alter Netzwerke – und die von Zufällen.

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Alle Hände voll zu tun: Viele Elternblogs sahen #Regretting Motherhood im Kontext der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Alle Hände voll zu tun: Viele Elternblogs sahen #Regretting Motherhood im Kontext der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.Foto: Friso Gentsch/dpa

Na, und?, fragt Katja Thiede am Mittwoch, 22. April auf Edition-F, einem Online-Magazin für Frauen. Da brummt die Debatte um #RegrettingMotherhood schon seit zwei Wochen und die ein oder andere hat langsam genug von all den Bekenntnissen und Analysen. „23 Frauen haben nun also festgestellt, dass sie statt Tor eins (Mutter sein) lieber Tor zwei hätten wählen sollen. So what - na und?“, schreibt Thiede.

#RegrettingMotherhood schafft es bis ins "heute journal". Wie kam das?

Na, und? Das kann man sich natürlich fragen. Oder auch: Warum? Wie kommt es, dass die Studie einer israelischen Sozialwissenschaftlerin das Soziale Netz in Deutschland bewegt und es schließlich sogar ins „heute journal“ schafft? Die Geschichte des Hashtags #RegrettingMotherhood erzählt viel über das Zusammenspiel zwischen sozialen Medien und Leitmedien, über das Verschwimmen der Grenzen zwischen beiden und über die Konjunkturzyklen von gesellschaftspolitischen Themen.

Die Themenkarriere von „RegrettingMotherhood“ beginnt mit einer Email, die Esther Göbel von ihrer jüngeren Schwester bekommt. Esther Göbel arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, „Zeit Campus“ und das „Greenpeace Magazin“. Ihre Schwester ist Wissenschaftlerin, sie forscht an einer deutschen Universität zur Mutter-Kind-Beziehung. Sie leitet Esther Göbel den Link auf eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath weiter, die Anfang des Jahres in „Signs“ erschienen ist, einer renommierten amerikanischen Zeitschrift für Geschlechterforschung. Donath schreibt unter dem Titel „Regretting Motherhood – A Sociopolitical Analysis“ über Tiefeninterviews mit 23 israelisch-jüdischen Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, die sagen, sie bereuen es, Mutter geworden zu sein. Einige von ihnen leiden so stark an der Rolle, dass sie in psychologischer Behandlung sind oder waren.

Eine freie Journalistin wird von ihrer Schwester, einer Wissenschaftlerin, auf das Thema aufmerksam gemacht

„Ich wusste sofort, dass das ein Knallerthema ist“, sagt Göbel. „Weil regretting motherhood ein riesiges Tabu darstellt: Frauen sollen Kinder kriegen und als Mutter stets glücklich sein, so sieht es die Norm vor. Dass die aber an der Realität vorbeiläuft, darum ging es mir in meinem Text.“ Göbel ist 31 Jahre alt und hat selbst keine Kinder, doch im Bekanntenkreis sind viele junge Mütter. Eine gewisse Ambivalenz der Gefühle in der Mutterrolle, das kennt sie auch aus ihrem Umfeld. Sie schreibt ein Stück für die Wissensseite der Süddeutschen, ein sehr zurückhaltendes, in dem weitere Wissenschaftlerinnen zu Wort kommen und der Stand der Forschung reflektiert wird. Ihr Text erscheint in der SZ-Ausgabe vom 4. April unter dem Titel „Ich will mein Leben zurück“.

SZ.de stellt das Thema auf die Homepage, der Text wurde über 300.000 Mal geklickt

Wie groß das Potential dieses Textes für die Online-Leserschaft und die Sozialen Medien ist, sei ihr sofort klar gewesen, sagt Julia Bönisch, die stellvertretende Chefredakteurin von SZ.de. „Über die Jahre bekommt man ja ein ganz gutes Gespür dafür, was läuft und was nicht“, sagt sie. „Geschichten über verschiedene Lebensmodelle, Fragen, die Menschen in der Lebensmitte beschäftigen und alles was mit Erziehung zu tun hat funktioniert generell sehr gut.“ SZ.de zieht den Text von Esther Göbel am Sonntag, den 5. April, erstmals auf die Homepage und teilt ihn auf Twitter und Facebook. Bis Mittwoch der vergangenen Woche wurde der Artikel 183.777 Mal von Desktop-PCs aufgerufen und 139.050 von mobilen Geräten aus. Das sei viel, sagt Julia Bönisch „für einen Text der keine exklusive Recherche wie Swiss Leaks ist und nicht der German-Wings-Absturz“.

Über SZ.de findet das Thema den Weg in die Mütterblogs

Man könnte also sagen, dass es in diesem Fall die alten Medien waren, die das Thema gesetzt haben. Doch natürlich sind die alten Medien gleichzeitig die neuen Medien. Über den Facebook-Auftritt von SZ.de fand das Stück in zahlreiche Timelines. Bis Mittwoch der vergangenen Woche wurde er rund 7000 Mal kommentiert. Und im Internet bemächtigt sich schnell eine lebendige Szene der Debatte: Die Mütter- und Feminismus-Blogs.
In Konstanz am Bodensee scannt Christine Finke am Sonntag, den 5. April wie jeden Tag ihre Facebook-Timeline. Die Bloggerin schreibt seit drei Jahren auf „Mama arbeitet“ über ihr Leben als Alleinerziehende und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schreibt. Sie findet den Süddeutsche-Artikel und denkt: „Da kommt was.“ Sie selbst fühlt sich tief berührt. Noch am Sonntag schreibt sie einen persönlichen Text für ihr Blog, dass sie ihre Kinder liebt, dass sie nichts bereut. Aber: „Mutterschaft musste ich lernen, es war mir nicht gegeben. Vielleicht stimmte irgendetwas mit meinem Oxytocinhaushalt nicht, vielleicht war ich zu verkopft, ich weiß es nicht.“ Sie legt den Text zur Seite. Über so etwas schlafe man besser eine Nacht, sagt sie.

Rund 100 professionelle Elternblogs gibt es in Deutschland

Christine Finke ist freie Jounalistin, sie schreibt Kinderbücher und sitzt im Konstanzer Stadtrat, für eine freie Wählervereinigung. Am Montag, 6. April schaltet sie den Text frei und twittert ihn. Sie ist die eine der ersten, die den Hashtag „#RegrettingMotherhood“ auf Twitter verwenden.

In den folgenden Stunden und Tagen werden viele Blogs „Mama arbeitet“ folgen: Die „Phoenix-Frauen“ zum Beispiel, „Herz und Liebe“ und „Geborgen Wachsen“. „Brigitte Mom“ führt eine Liste mit 1.500 Elternblogs, Christine Finke schätzt, dass davon etwa 100 tatsächlich eine gewisse Reichweite haben. Die Szene ist stark und wächst. Auf der diesjährigen Re:publica Anfang Mai gibt es dazu eine eigene Unterkonferenz. Eines der größten ist das Blog von Susanne Mierau, „Geborgen Wachsen“, mit rund 100.000 Besuchern im Monat. Sie greift das Thema am 9. April auf.

Das Thema, das Esther Göbel so interessant fand, bekommt in den Elternblogs einen neuen Dreh. Während in der Studie von Orna Donath die Psychologie, die Identität zwischen Norm und Gefühl im Vordergrund steht, werden die bereuenden Mütter auf vielen der Blogs vor dem Hintergrund der Vereinbarkeitsdebatte gesehen, zerrissen vor allem von alltagspraktischen Problemen zwischen Kind und Beruf. Und noch etwas überrascht: Das Tabu ist nicht sehr stark. Die einen zeigen mehr, die anderen weniger Verständnis für bereuende Mütter. Einige bekennen sich. Eine andere schreibt: Habt ihr mal daran gedacht, was eure Kinder denken, wenn sie das später lesen? Insgesamt aber, sagt auch Christine Finke von „Mama arbeitet“, seien die Leute offenbar „reif für diese Ambivalenz“ in der Mutterrolle. Jedenfalls seien die Reaktionen auf ihren Beitrag „nichts im Vergleich dazu, was ich erleben musste, als ich geschrieben habe, dass ich es völlig okay finde, meine Kinder an Karneval als Indianer zu verkleiden.“

Wie Netzwerke die "Gatekeeper" beeindrucken: Es wird viel geredet, also ist es relevant

Der Umfang der Debatte lässt sich nur schwer messen. Zur Mitte der Woche nach dem Erscheinen des Textes von Esther Göbel in der „SZ“ verzeichnet Topsy, eine Websoftware, mit der sich Bewegungen auf Twitter analysieren lassen, einen ersten Ausschlag für das Stichwort, es wird rund 100 mal pro Tag verwendet, auf dem Peak der Aufmerksamkeit erreicht #RegrettingMotherhood rund 350 Tweets pro Tag.  Viel ist das eigentlich nicht, sagt Andreas Jungherr. Er forscht an der Universität Mannheim am Lehrstuhl für Politische Psychologie zu den Effekten des Internets auf politische Kommunikation, er berät Parteien bei der Gestaltung ihrer Web-Kampagnen und befasst sich mit der viralen Verbreitung von Nachrichten in sozialen Netzwerken. Ein vergleichbarer Hashtag, „#Aufschrei“, wurde Ende Januar 2013 innerhalb weniger Tage über 50.000 Mal verwendet. Auslöser waren damals zwei Texte über Sexismus in der politischen Sphäre: Die Journalistin Annett Meiritz schrieb auf Spiegel Online über ihre Erlebnisse mit sexistischen Bemerkungen in der Piratenpartei. Kurz darauf erschien im „Stern“ ein Porträt über den damaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, in dem die Autorin Laura Himmelreich auch eine sexistische Bemerkung ihr gegenüber bekannt macht. Die Netzfeministin Anne Wizorek prägte damals den Hashtag „#Aufschrei“, unter dem viele Frauen Erlebnisse mit Sexismus öffentlich machten und damit eine Debatte über den Alltagssexismus lostraten.

Im Vergleich zu #Aufschrei war #RegrettingMotherhood ein kleines Twitter-Phänomen

Twitter war perfekt geeignet für „#Aufschrei“, die Aktion konnte die Masse sexistischer Übergriffe aufzeigen. Facebook war für die inhaltliche Debatte zu #RegrettingMotherhood offenbar der bessere Ort, lässt sich aber schlechter quantifizieren, da nicht alles öffentlich ist. Auf die reine Masse komme es aber ohnehin nicht an, sagt Jungherr, damit eine Social-Media-Debatte von außen als relevant wahrgenommen werde. „Es braucht vor allem eine kleine Gruppe, die gut vernetzt sind und das Thema bespielt“, sagt er. In diesem Fall waren das die Elternblogs. Viele der Bloggerinnen verweisen aufeinander. Der engere Kreis kennt sich, zumindest virtuell. Dass diese Akteure ohnehin lange vernetzt sind und sich über ähnliche Themen austauschen, ist für den nicht-szenekundigen Beobachter aber zunächst nicht ersichtlich. Er sieht nur: Da ist was los.

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