Der Tagesspiegel : Reiseführer: Mit dem Dehio durchs Land

Hanne Bahra

Vor 95 Jahren, als Georg Dehios erstes "Handbuch der Kunstdenkmäler" erschien, konnte der Reisende das Bändchen noch bequem in der Hand halten. Heute sprengt die Fülle der im vor wenigen Tagen erschienenen Band Brandenburg aufgenommenen Objekte jede Jackentasche. Das Tafelsilber des Landes, auf 1236 Seiten zusammengetragene architektonische Kulturgeschichte, liegt schwer in der Hand. Und dennoch lohnt es sich mehr denn je, den von einem jungen Team ost- und westdeutscher Kunsthistoriker überarbeiteten Klassiker in den Rucksack zu packen.

Im jüngsten Werk des Deutschen Kunstverlages, der seit 1929 den Dehio herausgibt, kommt nun zusammen, was einst im Ur-Dehio Nordostdeutschland und seit den 80er Jahren in den Bänden der Bezirke Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus über Brandenburg zu lesen war. Darüber hinaus aber machte die Neugliederung der Länder, die angestrebte Heterogenität der Bände, vor allem aber auch ein inzwischen erweiterter Denkmalbegriff eine gründliche Überarbeitung nötig. Galt bisher den Autoren des Dehios der Klassizismus als Zeitgrenze, hat sich nun eine neue Generation von Architekturforschern auch dem allgemein zunehmenden Interesse an Bauwerken aus dem 19. und 20. Jahrhundert gestellt. Zwar ist noch immer die mittelalterliche Backsteingotik Schwerpunkt des Buches, doch wurden nun auch Gutshäuser, Villen, Siedlungen, und Industriebauten aus den Epochen bis in die 1960er Jahre aufgenommen.

Der sozialistischen Idealstadt Eisenhüttenstadt hat man sogar ein Sternchen für besonders sehenswerte Orte gegeben. Neben etwa hundert weiteren derart ausgezeichneten Objekten steht nun die ehemalige "Stalinstadt" in einer Reihe mit dem Einsteinturm und Sanssouci. Ausführliche städtebauliche Einleitungen und Beschreibungen der durch Restaurierung wiedergewonnenen Bauwerke, wie etwa dem Schloss Königs Wusterhausen, tragen zum gewaltigen Umfang des Bandes bei. Typografische Sorgfalt und die bewährte alphabetische Anordnung der Orte erleichtern den Umgang mit der umfassenden Kunsttopographie der Landschaft zwischen Elbe und Oder.

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