Religion und Politik : Die Werte des barmherzigen Samariters

Toleranz, Mut, Hilfsbereitschaft: Kirchen müssen eine politische Kultur fördern, die den Religionen Raum lässt, ohne die Säkularität zu beschädigen.

Ellen Ueberschär
Hilfsbereitschaft gehört zum gesellschaftlichen Miteinander. "Der barmherzige Samariter", Farblithographie nach B. Hummel.
Hilfsbereitschaft gehört zum gesellschaftlichen Miteinander. "Der barmherzige Samariter", Farblithographie nach B. Hummel.Foto: akg-images

Einer der berühmtesten Sketche des unvergessenen Humoristen Loriot ist der zweier Männer, die sich zufällig und nackt in einer Hotelbadewanne treffen.

Der eine, Dr. Klöber, nimmt quietschfidel einen Wettbewerb im Badewannentauchen auf, der andere, Müller-Lüdenscheidt, weist die sportliche Herausforderung brüsk zurück mit dem Hinweis auf Dinge, die im Leben schwerer wiegen, und blättert einen Katalog von Tugenden auf: Ehrlichkeit, Toleranz, Mut, Anständigkeit, Hilfsbereitschaft, Tüchtigkeit. Der Badewannentaucher Dr. Klöber aber lässt sich den Spaß nicht verderben und behält das letzte Wort: „Aber ich kann länger als Sie!“

Ein sehr protestantischer Sketch, der die Wertehaltungen illustriert, die über viele Jahrhunderte, gestützt durch obrigkeitliche Strukturen, in Geltung standen und nun zu erodieren scheinen. Jedenfalls steht das allenthalben zu lesen. Was Loriot uns zeigt, ist eine ad absurdum geführte Identität durch eine moralische Werthaltung, die nicht mehr imstande ist, die Wirklichkeit wahrzunehmen – die Nacktheit des anderen, die Menschlichkeit des anderen. Und plötzlich ist auch nicht mehr die Situation lächerlich, sondern derjenige, der seine Wertehaltungen auch dann wie eine Monstranz vor sich herträgt, wenn etwas anderes gefordert wäre – in diesem Fall hätte wohl ein herzliches Lachen die Situation entspannt. Müller-Lüdenscheidt, der scheinbar ein strenges protestantisches Ethos vertritt, unternimmt in Wahrheit den Versuch, die eigene Würde herzustellen. Selbst wer die Bibel nur oberflächlich kennt, weiß, dass das schief gehen muss.

In welcher Gesellschaft leben wir?

Die Geschichte dieser Gesinnungsethik, die anderen bestimmte Werte verordnete und damit andere Werte unterordnete, ist zu Ende. Gott sei Dank, sagen die einen. Untergang des Abendlandes! rufen die anderen. Der große Bürgerrechtler und Theologe Wolfgang Ullman hat einmal darauf hingewiesen, dass der Begriff des Wertes aus der Mathematik entnommen ist und dort immer damit zu tun hat, dass etwas „relativ“ ist. Wichtiger als die Werte, die sich wandeln können, sind die Prinzipien, nach denen wir handeln.

In welcher Gesellschaft leben wir? Zunächst: Wir leben in einem säkularen Staat, und die Kirchen haben nie so gute Bedingungen gehabt wie in diesem Staat, der sich heraushält aus religiösen Angelegenheiten und es vielmehr als seine Aufgabe versteht, Religionsfreiheit in positiver und negativer Hinsicht zu garantieren. In positiver Hinsicht, weil die Arbeit von religiösen Einrichtungen gefördert wird, weil es Bildungsurlaub für Menschen gibt, die zu Kirchentagen fahren und die Möglichkeit, sonntags in aller Öffentlichkeit in die Kirche zu gehen. Religionsfreiheit ist seit der Aufklärung eine Art Lackmustest für das Maß an Freiheit, das eine Staatsform ermöglicht.

Negative Religionsfreiheit, die sich in der Möglichkeit ausdrückt, einfach keiner Religionsgemeinschaft anzugehören oder die Religionszugehörigkeit wechseln zu dürfen, ist das andere Kennzeichen einer freiheitlichen Gesellschaft. Die Kirchen haben lange gebraucht, diese Verbindung von negativer und positiver Religionsfreiheit anzuerkennen. Das darf nicht vergessen werden, auch dann nicht, wenn die Empörung zu Recht groß ist, sobald ein zum Christentum konvertierter Muslim Verfolgungen durch islamische Religionswächter ausgesetzt ist.

Es gibt keine Partei, deren Programm nicht auf Werten gründet

Wie aber sieht es mit der Gesellschaft im säkularen Staat aus? Was sind die Voraussetzungen einer menschenwürdigen Weltgesellschaft? Der Hinweis auf die Verfassung allein reicht nicht. Sie kann aus sich selbst heraus legitimiert werden, dazu braucht es keinen Glauben an Gott. Aber die Frage, was Menschen motiviert, sich die Werte der Verfassung anzueignen, ist mit einem „Verfassungspatriotismus“ noch nicht beantwortet. Liberale Ordnungen sind auf die Solidarität ihrer Staatsbürger angewiesen. Aber die Quellen dieser Solidarität können infolge einer „entgleisenden Säkularisierung“ der Gesellschaft versiegen, wie die Diagnose des Philosophen Jürgen Habermas lautete. Der liberale Staat kann nicht überleben, wenn seine Bürgerinnen und Bürger nur noch ihre eigenen Interessen verfolgen und ihre subjektiven Rechte eher gegeneinander als miteinander anwenden.

Christlich gesprochen: Wo niemand mehr das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter kennt, geschweige denn versteht, gerät auch der säkulare Verfassungsstaat ins Gefahr. Der Gesunde überwindet den Ekel vor dem Verblutenden, sorgt für ihn und wo er selbst nicht kann, beauftragt und bezahlt er andere, die es für ihn tun. Wie in einem Brennglas offenbart dieses Gleichnis die spezifisch christliche Mitmenschlichkeit, offenbart das, was das Christentum von der römisch-heidnischen Antike unterschieden hat und bis heute Richtschnur und Maßstab gesellschaftlichen Zusammenlebens ist.

Zum Beispiel gibt es keine Partei, deren Programm nicht auf Werten gründet – Nächstenliebe und Gemeinschaft, Solidarität und Gerechtigkeit. Noch immer werden die Kirchen und andere religiöse Gemeinschaften akzeptiert als Orte, an denen darüber gesprochen wird, was dem Leben Sinn gibt und wo Regeln aufgestellt werden, wie Menschen zusammenleben sollen. Studien zum ehrenamtlichen Engagement sagen, dass religiös hoch Verbundene bei Weitem sozial aktiver sind als areligiöse Menschen. Auch Parteien sind auf Engagierte angewiesen. Und selbst die, die öffentlich eine zu große Staatsnähe der Kirchen beklagen, leben von aktiven Mitgliedern, die oft in christlichen Jugendgruppen demokratische Grundfertigkeiten gelernt haben.

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